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"Als ich mit Regisseur Werner Herzog in einem Gefängnis in Afrika saß". Ein Interview mit Hans Dieter Sauer

Werner Herzog mit der Klappe zu Foto: Hans Dieter Sauer
Dießen/Pähl – Der jetzt in Los Angeles lebende Filmregisseur Werner Herzog, der mit Filmen wie Aguirre, der Zorn Gottes und Fitzcarrolda berühmt wurde, hat zu seinem 80. Geburtstag „Erinnerungen" an sein Leben veröffentlicht. Hans Dieter Sauer hat Herzog in der Frühzeit seines Schaffens bei den Dreharbeiten für den Film Fata Morgana durch die Sahara und Zentralafrika begleitet. Der Diplom-Physiker lebt in Pähl am Ammersee. Mit ihm sprach Alois Kramer von aloys.news

aloys.news: Wie kamst Du mit Werner Herzog in Kontakt?

Hans Dieter Sauer: Ich saß im Sommer 1968 in München an meiner Diplomarbeit in Geophysik. Herzog hatte gerade mit seinem Film Lebenszeichen bei der Berlinale einen Silbernen Bären für das beste Erstlingswerk gewonnen. Als eifriger Kinogänger, der am damals so genannten Jungen Deutschen Film interessiert war, hatte ich das mitbekommen, und als ich erfuhr, der Film werde in einem Schwabinger Kino gezeigt und der Regisseur werde anwesend sein, ging ich hin.

Auf den Film will ich hier nicht näher eingehen. Nur soviel, er handelt von einem deutschen Soldaten, der im II. Weltkrieg nach einer Verwundung mit einigen Kameraden zur Bewachung eines Munitionsdepots in einer alten Festung auf Kreta abgestellt ist, und die Wirkung der Landschaft auf den Protagonisten spielt darin eine große Rolle. Das ist nämlich für den Fortgang der Geschichte von Bedeutung. Beim Blick in ein Tal, in dem sich tausende mit Segeltuch bespannte Windräder drehen, verliert er schier den Verstand.

Als nach der Vorstellung Herzog sich den Fragen der Zuschauer stellte, erstaunte mich zunächst, wie er auftrat, nicht wie ein frischgekürter erfolgreicher Preisträger, sondern er wirkte eher schüchtern. Aber das täuschte, wie ich bald merkte. Sehr selbstbewusst verteidigte er seinen Film gegen Angriffe von linksgerichteten Studenten, die ihm vorwarfen, der Film sei unpolitisch, ja geradezu reaktionär. Wie könne man nur einen Wehrmachtssoldaten zur Hauptfigur eines Filmes machen.

Zur Erinnerung. 1968 war das Jahr der Studentenrevolte. Auch die Kunst hatte politisch relevant zu sein.

Nach dem Ende der Veranstaltung stand Herzog mit einer Gruppe von Diskutanten noch vor dem Kino – es war ein lauer Sommerabend – Da hörte ich ihn sagen, in seinem nächsten Film werde die Landschaft der eigentliche Darsteller sein. Fata Morgana solle er heißen, und er wolle ihn in der Sahara und Zentralafrika drehen.
Da durchzuckte es mich. Ich war schon dreimal in der Sahara gewesen und bei meiner ersten Afrikareise 1962 nach der Bundeswehrzeit bis auf den Kilimanjaro gelangt. Als Herzog sich zum Gehen anschickte, sagte ich rasch zu ihm. Wenn er für seine Unternehmung jemanden mit Afrikaerfahrung suche, ich würde mich auskennen und erzählte ihm kurz von meinen Reisen. Er notierte sich meine Telefonnummer – damals war das keine Handynummer, sondern das Telefon auf dem Flur des Studentenheims Geschwister Scholl, wo ich wohnte.

Wochenlang hörte ich nichts von ihm und ich dachte, er hätte mich vergessen. Doch dann meldete er sich und wollte meinen Pass haben, um Visa für die zu durchreisenden Länder zu beantragen. Um die Weihnachtszeit wurde es ernst. Herzog kündigte an, die Reise solle im kommenden Mai starten.
Ich war mit meiner Diplomarbeit in Verzug, aber von nun an war ich Tag für Tag von früh bis spät nur im Institut und am Abend vor dem Abreisetag war die Arbeit fertig getippt.

aloys.news: Wie viele Teilnehmer hatte diese „Filmexpedition" und wie war sie ausgerüstet?

Hans Dieter Sauer: Wir waren nur zu Viert. Herzog, der Kameramann Jörg Schmidt-Reitwein, Gunter Freyse, ein Fotograf und ich. Unsere Fahrzeuge waren ein VW-Bus, in dem die Kameras und die anderen Gerätschaften fürs Filmen untergebracht waren und ein Landrover mit der Ausrüstung, die man für eine solche Unternehmung braucht: Sandbleche, die man unter die Räder schiebt, wenn man sich im Sand festgefahren hat, Schaufeln, Zelte, Moskitonetze, Gaskocher und viele Wasserkanister. Den Bus fuhren Herzog und der Kameramann, den Landrover ich und Gunter.

Herzog hatte sich in den Kopf gesetzt, im Sommer, also in der heißesten Zeit durch die Sahara zu fahren. Er versprach sich davon die Bilder, die er im Kopf hatte. Und er bekam sie. Luft, vor Hitze flimmernd, in der sich die Konturen der Landschaft, Gegenstände und Menschen aufzulösen schienen. Das verlangte uns manchmal einiges ab. Selbst im Schatten gab es keine Kühlung. Der Wind kam wie aus einem Backofen.

aloys.news: Hattet ihr gefährliche Erlebnisse?

Hans Dieter Sauer: Nein. Wir kamen gut durch die Wüste, hatten keine ernsthaften Autopannen. Im Norden des Niger fuhren wir uns in der beginnenden Regenzeit einmal richtig im Schlamm fest. Aber das war mehr eine sportliche Herausforderung, da wieder herauszukommen. Es gab keinerlei Feindseligkeiten von Seiten der Behörden oder der Bevölkerung. Wir fühlten uns nie unsicher.

Eine wilde, aber letztendlich skurrile Geschichte erlebten wir dann in Kamerun. Wir waren per Schiff in der Hafenstadt Douala angekommen, weil wir, von Westafrika kommend, Nigeria wegen des Biafra-Krieges nicht passieren konnten.

aloys.news: Was war der Biafra Krieg?

Hans Dieter Sauer: Das war der nigerianische Bürgerkrieg, der von 1967 bis 1970 dauerte. Die Provinz Biafra im Südosten des Landes rebellierte gegen die Zentralregierung. Die Einmischung ausländischer Mächte auf beiden Seiten heizte den Konflikt weiter an und zog ihn in die Länge. Als die Zentralregierung eine Blockade verhängte, brach in in Biafra eine Hungersnot aus und besonders viele Kinder verhungerten. Mit diesen schrecklichen Folgen kam ich später in einem Auffanglager für halb verhungerte Kinder in Gabun hautnah in Berührung, aber das ist eine eigene Geschichte. Zurück zu unseren harmlosen Abenteuern.

Nachdem wir in Douala ohne Schwierigkeiten die Zoll- und Passkontrolle passiert hatten, machten wir uns auf den Weg in die 200 km entfernte Hauptstadt Jaunde.

Als wir am späten Nachmittag die Außenbezirke der Stadt erreichten, wurden wir von Uniformierten gestoppt. Zwei Jeeps waren am Straßenrand geparkt. Wohin wir wollten? Wir erklärten, dass wir uns in der Stadt in einem Hotel einquartieren wollten und morgen die deutsche Botschaft aufsuchen wollten.

Gut, man werde uns den Weg zeigen, wir sollten folgen. Und dann quetschte sich in jedes unserer Auto einfach ein Soldat. Da hatte ich zum ersten Mal ein flaues Gefühl und das wurde immer stärker, je weiter wir fuhren. Denn wir wurden keineswegs ins Zentrum geleitet, sondern es ging irgendwo anders hin. Schließlich fuhren wir durch ein Tor und sahen, das wir in einem Kasernenhof gelandet waren.

In dem Moment änderte sich der Tonfall unserer Begleiter schlagartig. Unwirsch wurden wir angehalten, auszusteigen und man gab uns zu verstehen, dass wir verhaftet seien. Wir protestierten, aber es half nichts. Ehe wir uns versahen, fanden wir uns in einem finsteren Verlies wieder.

Als sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen wir, dass wir nicht allein waren. In dem Raum, der etwa 5 mal 6 Meter messen mochte, saßen, lagen und standen wohl an die zwanzig Schwarzafrikaner. Es gab keine Sitzgelegenheit, nur einen massiven Tisch an einer Wand und in einer Ecke einen großen Kübel für die Notdurft.

aloys.news: Hattet ihr Angst?

Hans Dieter Sauer: Etwas mulmig war uns schon zumute. Aber wir waren vor allem perplex und rätselten, warum in aller Welt man uns verhaftet hatte. Uns fiel kein Grund ein.

Wir hockten uns zusammen auf den Tisch mit dem Rücken an der Wand, versuchten etwas zu dösen. Gegen Morgen überlegten wir, was wir tun könnten, um aus der misslichen Lage herauszukommen. Wir mussten auf irgendeine Weise eine Nachricht an die deutsche Botschaft schicken, dass hier vier deutsche Staatsbürger im Gefängnis saßen.

aloys.news: Aber wie sollte sich das bewerkstelligen lassen?

Hans Dieter Sauer: Wir hatten von Mithäftlingen erfahren, dass es sich nicht um Verurteilte handelte, die ihre Strafe absaßen, sondern sie waren wegen kleinerer Delikte - Trunkenheit, Schlägerei – wie wir von der Straße weg verhaftet worden. Einige waren Hausangestellte und sie erwarteten, dass ihr Patron sie am nächsten Morgen wieder auslösen würde. In den meisten Fällen würde das ein Weißer sein. Darin sahen wir eine Chance. Vielleicht konnten wir einer solchen Person einen Zettel mit der Nachricht an die Botschaft zustecken.

Herzog hatte wie stets sein Notizbuch in der Hosentasche. Wir schrieben die entsprechende Botschaft auf einen Zettel, postierten uns am Morgen an der Zellentür und hofften auf eine Gelegenheit. Die Zellentür war keine geschlossene Tür, sondern ein massives Eisengitter, durch das man auf den Hof hinaussehen konnte.

Nach einiger Zeit ging ein Weißer in geringer Entfernung vorüber. Wir riefen ihm leise zu, er kam näher und wir konnten ihm den Zettel zustecken.

aloys.news: Wie ging es dann weiter?

Hans Dieter Sauer: Einige Stunden passierte nichts, aber dann konnten wir zu unserer Erleichterung in einen anderen Raum umziehen, den wir für uns allein hatten. Wir durften Campingliegen und Schlafsäcke aus den Autos holen und es uns bequem machen. Wir bekamen sogar Essen, ein regelrechtes Menu von einem nahegelegenen Hotel. Ein Polizist kostete es vor unseren Augen, damit wir sahen, dass es nicht vergiftet war.

Offenbar hatte unsere Nachricht die Botschaft erreicht, und man war bei den kamerunesischen Behörden vorstellig geworden. So war es. Wenig später erschien ein Mann von der Botschaft, der uns erklärte, wir hätten nichts zu befürchten, es liege irgendein Versehen vor. Aber wir müssten uns noch etwas gedulden. Der Verantwortliche im Ministerium sei nicht zu erreichen. Aber morgen früh wären wir wieder auf freiem Fuß.

Am Nachmittag kam ein Soldat zu uns und teilte uns mit, der „Chef" wünschen einen von uns zu sprechen. Das fiel auf mich, weil ich als einziger der Crew einigermaßen Französisch sprach, die Amtssprache in Kamerun. Bis zum I. Weltkrieg war Kamerun deutsche Kolonie, danach bis zur Unabhängigkeit im Jahre 1960 war der größte Teil des Landes ein französisches Protektorat.

Der Chef empfing mich jovial in seinem Büro im ersten Stock und bat mich auf einem Sofa Platz zu nehmen. Er saß vor mir hinter seinem Schreibtisch. Was sei der Zweck unserer Afrikareise? Ich flunkerte, wir seien gekommen, die Schönheiten des Kontinents zu filmen, um sie dem deutschen Publikum nahezubringen. Wir hätten die größten Sympathien für die Menschen in Afrika und überall nur die besten Erfahrungen gemacht. Ich merkte aber, dass ihn das nicht recht überzeugte. Schließlich konfrontierte er mich mit dem Vorwurf, wir seien verkappte Söldner und wollten in den Kongo, um dort weiter Unruhe zu stiften. Ich beteuerte wortreich unsere Unschuld. Nun gut, wenn es so sei, dann hätten wir natürlich auch keine Waffen dabei.

Selbstverständlich, bejahte ich. Doch dabei lief es mir kalt und heiß den Rücken runter. Wir hatten nämlich Waffen dabei, zwei Jagdgewehre. Herzog hatte die Idee gehabt, sie mitzunehmen, so dass wir uns auch einmal Wild schießen könnten. Ich hatte das für eine Schnapsidee gehalten – es könne uns nur in Schwierigkeiten bringen. Aber Herzog hatte daran festgehalten.

aloys.news: Habt ihr denn mal ein Wild geschossen und gebraten?

Hans Dieter Sauer: Kein einziges Mal. Wenn ich mich richtig erinnere, hat Herzog einmal auf einen Geier geschossen, aber nicht getroffen.

Gut, sagte der Chef. Wenn es so sei, könne man ja einmal nachsehen, ob wir tatsächlich keine Waffen dabei hätten. Gerne, antwortete ich und schlug vor, zuerst den Landrover inspizieren zu lassen, in dem sich die Gewehre nicht befanden. Ein Soldat wurde herbeigerufen und ich ging mit ihm zum Landrover im Hof. Ich hatte mir folgende Taktik zurechtgelegt. Ich würde jede Kiste im Landrover aufmachen und alles Gegenstände ganz genau vorzeigen. Vielleicht war man dann zufrieden und würde auf weitere Untersuchungen verzichten. Ich zog die Prozedur so weit in die Länge, wie es irgendwie ging.

Wir begaben uns wieder nach oben und der Soldat erstattete Bericht: Rien, nichts gefunden. Ich hoffte, der Chef würde sich damit zufrieden geben.

Keineswegs. Nun war Herzog mit dem VW-Bus an der Reihe. Der Soldat verschwand nach unten. Ich saß derweil auf dem Sofa und machte freundliche Konversation, indem ich irgendwelche Dinge von Deutschland erzählte. Doch innerlich war ich auf Äußerste angespannt. Jeden Moment erwartete ich, dass der Soldat mit den zwei Gewehren erscheinen würde. Die Zeit zog sich hin.
Dann kam der Soldat - mit leeren Händen. Rien, nichts. Der Chef entließ mich mit einem gnädigen Nicken.

Wie Herzog später berichtete, veranstaltete er vor dem Soldaten ein Verwirrspiel. Er packte alle Sachen aus, verstreute sie im Bus, so dass der Soldat den Überblick verlor und nicht merkte, dass Herzog das eine Fach, in dem sich die Gewehre befanden, nicht öffnete.

Erleichtert legten wir uns schlafen. Morgen früh würden wir uns zur Botschaft begeben, um zu sehen, ob dort Post für uns angekommen sei und wir würden unsererseits auch wieder per Brief ein Lebenszeichen nach Deutschland schicken, die einzige Kommunikationsmöglichkeit damals.

Doch die Geschichte ging ganz anders weiter. Es war noch dunkel, als wir geweckt wurden. Wir könnten nun in Richtung Zentralafrikanische Republik weiterfahren, unser nächstes Ziel. Wir lehnten höflich ab. Wir wollten zunächst noch die deutsche Botschaft aufsuchen – sie sei um diese Zeit noch nicht geöffnet. Doch, doch insistierte der Kommandant. Wir machten keine Anstalten, dem zu folgen. Wir dachten, wenn wir einfach nicht fahren, was wollen sie machen.

Doch da hatten wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Wir sahen uns plötzlich von Soldaten umringt und wurden aufgefordert, auf die Ladefläche eines Lastwagens zu steigen. Wenn einem das von Leuten mit geladenen Gewehren gesagt wird, folgt man dem ohne Widerrede.
In unsere Fahrzeuge setzten sich Soldaten und so ging es durch die noch schlafende Stadt hinaus auf die Straße Richtung Grenze nach Zentralafrika. Als wir die Stadt hinter uns gelassen hatten, kamen wir bald in dichten Urwald. Wir fuhren noch etliche Kilometer, dann wurde Halt gemacht und der Kommandant erklärte uns, wir sollten keineswegs umkehren und der Straße bis zur Grenze folgen.

Erleichtert setzten wir uns in unsere Autos und waren froh, als wir nach einer Kurve nichts mehr von den Soldaten sahen. Nachdem wir eine Strecke gefahren waren, machte ich Halt und verlangte von Herzog, dass wir uns der Gewehr entledigten. Es gab keine Diskussion. Sie flogen in hohen Bogen in die dichte Vegetation. Wahrscheinlich rosten sie da noch heute vor sich hin.

aloys.news: Was meinst Du, warum hat die Polizei Euch in aller Frühe zwangsweise weitergeschickt?

Hans Dieter Sauer: Das ist ganz klar. Sie wollten nicht, dass wir der Botschaft die Umstände unserer Verhaftung erzählten. Wahrscheinlich haben sie eine Geschichte erfunden, dass wir eine Übertretung begangen hätten und nach zwei Nächten in Gewahrsam von uns aus möglichst schnell weiterfahren wollten.

aloys.news: Wie ging die Reise danach weiter?

Hans Dieter Sauer: Wir kamen ohne besondere Schwierigkeiten nach Bangui, der Hauptstadt von Zentralafrika, abgesehen von einer weiteren zwangsweisen Übernachtung in der Grenzstation, weil von der Hauptstadt noch nicht der Funkspruch eingegangen war, dass wir keine Söldner sondern harmlose Filmemacher seien. Offenbar waren alle Polizeiposten im Land vor uns gewarnt worden. Aber nachdem von der Hauptstadt Entwarnung kam, wir uns in aller Freundschaft verabschieden.

In Bangu fand die Filmexpedition dann ein jähes Ende. Herzog und Schmidt-Reitwein bekamen Malaria-Anfälle. Sie beschlossen, die Reise abzubrechen und nach Deutschland zurückfliegen, der dritte Mann schloss sich ihnen an. Doch ich wollte unbedingt länger in Afrika unterwegs sein.

Das war Herzog ganz recht. Denn was sollte mit den beiden Fahrzeugen geschehen. Wir vereinbarten, dass ich sie gegen Provision verkaufen sollte und mit dem Geld konnte ich dann die weitere Reise finanzieren, die mich mit vielen Zwischenstationen schließlich durch Zaire bis nach Ostafrika brachte. Insgesamt war ich ein ganzes Jahr unterwegs. Davon könnte ich noch zig Geschichten erzählen.

aloys.news: Was wurde aus dem Filmprojekt?

Hans Dieter Sauer: Herzog brachte tatsächlich einen Film „Fata Morgana" heraus, allerdings ein ganz anderes Werk, als er es sich ursprünglich vorgestellt hat. Es besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil sind die Aufnahmen zu sehen, die auf unserer Reise in der Sahara und Westafrika entstanden sind.

Es gibt darin Bilder von betörender Schönheit – in keinem anderen Film habe ich solche Aufnahmen der Wüste gesehen - und im scharfen Kontrast dazu dann die Verwüstung der Wüste durch die Hinterlassenschaft der Öl- und Gasexploration – Lastwagenwracks am Straßenrand, Wellblechhütten, merkwürdig verstörte Menschen. Man darf sich das aber nicht als Dokumentarfilm vorstellen. Herzog sagt in „Erinnerungen" zu dem Film, er sei ein poetisches Requiem auf einen Planeten, der sich in Luftspiegelungen auflöst.

aloys.news: Wie denkst Du an diese Reise zurück?

Hans Dieter Sauer: Einmal ist da natürlich eine gewisse Nostalgie. Wir waren alle völlig unbekümmert. Wenn man sich vorstellt, was alles hätte passieren können. Aber dazu mischt sich auch Trauer. Nicht deswegen, weil man fast alle Gegenden, in denen wir abends unser Lager aufschlagen, als Europäer nicht mehr bereisen kann, weil man von Terroristen entführt oder getötet würde, sondern wegen des Schicksals der Menschen, die dort leben. Vor fünfzig Jahren war Afrika auch voller Probleme, aber ein Kontinent der Hoffnung. Davon ist nicht viel geblieben.

V.l. Günther Freyse, Chef der Grenzstation zwischen Kamerun und Zentralafrikanischer Republik, Werner Herzog, Hans Dieter Sauer, Jörg Schmidt-Reitwein
V.l.: Hans Dieter Sauer, Werner Herzog, Jörg Schmidt-Reitwein. Dreharbeiten an der "Falaise de Bandiagara", einem markanten Felsenriegel in Mali. Dort wurden einige der faszinierendsten Passagen des Films "Fata Morgana" aufgenommen. Foto: Gunter Freyse
Werner Herzog in einer algerischen Oase. Foto: Hans Dieter Sauer
Jörg Schmidt-Reitwein an der Kamera, Werner Herzog an der Fahrertüre und Günther Freyse, der aus dem Dach des VW-Busses schaut. Foto: Hans Dieter Sauer
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