Bruce Springsteen – Re-Born in the USA. Von Michael Fuchs-Gamböck

Cover des neuen Albums vom Cover-Photo: Danny-Clinch, Sony-Music

Dießen/New York – Der Popjournalist Michael Fuchs-Gamböck hatte vor Jahren ein Buch veröffentlicht unter dem Titel "Tee mit Madonna, Cognac mit Ron Wood: Ich hatte sie alle!". In der Tat. Die Größen von Pop und Rock gaben dem Dießener Interviews oder standen für ein Porträt oder ein Homestory zur Verfügung. Das ging von den Rolling Stones bis zu Tears for Fears. Es ist mit dem umtriebigen Journalisten Fuchs-Gamböck ungefähr so wie mit den Beatles und Klaus Voormann. Paul McCartney sagte einmal den bedeutsamen Satz: Von all denen, die behauptet hatten, bei den Beatles dabei gewesen zu sein, war Klaus wirklich dabei". Lesen Sie im Folgenden auf aloys.news Fuchs-Gamböcks Besprechung des neuen Albums vom "Boss", "Letter to You".

Als im Sommer vergangenen Jahres „Western Skies", das 19. Studioalbum von Bruce Springsteen, des ewigen Kämpfers für Humanität und Tradition, in den Handel kam, war sich der weltumspannende „Boss"-interessierte Teil der Menschheit einig, es einmal mehr mit einem Meisterwerk zu tun zu haben. Die Platte ist schon heute ein Klassiker, weil ihre Inhalte zeitlos gehalten sind.Und trotzdem war sie manch einem Zuhörer musikalisch wie inhaltlich zu besinnlich, romantisch, wehmütig.

Springsteen mochte zu „Western Skies" keine Interviews geben, damit das Album für sich selbst spricht. Zwei findige Journalisten, zum einen von der italienischen Tageszeitung „La Reppublica", zum anderen vom amerikanischen Magazin „Variety," hatten es 2019 dennoch geschafft, der Koryphäe des US-Singer/Songwritertums ein paar druckfähige Zeilen abzutrotzen.

So ließ Springsteen verlauten, dass diese Platte bereits vor zwei Jahren nahezu fertig war, er das Gerüst dafür noch um einiges länger mit sich herum getragen hatte. Und im Anschluss wie nebenbei bemerkt brachte er eine kleine Sensation ans Tageslicht: „ In naher Zukunft ist eine neue Platte mit der E Street Band vorgesehen", meinte der heute 71jährige aus New Jersey lässig, „ich habe schon jede Menge Material dafür zusammen", verriet der „Boss". Und in einem Statement für „Variety" meinte er: „Ich habe etwa sieben Jahre damit verbracht, nichts für diese Gruppe zu komponieren. Ich konnte nichts für die Band schreiben", fügte er hinzu. „Und ich sagte mir: „Nun, natürlich, du wirst nie wieder etwas in der Richtung machen." Aber das Ganze ist ein Tick. Es ist ein Trick, der auf Grund dieser Tatsache, die man nicht erklären kann, nicht unbewusst duplizieren kann. Ich inspiriere mich dadurch selbst."

Bruce Springsteen hat Wort gehalten: Dieser Tage ist „Letter To You" erschienen. Die erste Scheibe mit der so altehrwürdigen wie alteingesessenen E Street Band. Und was für ein herrliches Rock-Monster das Ding geworden ist! Kaum noch eine Spur von der - wenn auch wundervollen - Weltferne sowie ab und an Verhuschtheit des Vorgängers. Bis auf eine einzige ruhigere Nummer stehen die restlichen elf Songs in vollem Saft und Kraft. Immer wieder fühlen sich die Langzeit-Fans (und nicht nur die) an die „glory days" etwa der Megaseller „The River" oder „Born In The U.S.A." erinnert.

Das komplette Album entstand Ende 2019, glücklicher Weise noch vor der Corona-Attacke, in Springsteens heimischem Studio, sämtliche Mitstreiter der Platte waren vor Ort in New Jersey, versammelten sich komplett während der Aufnahmen im beengten Raum. Es wurde auf Tools verzichtet, die via Computer verschickt wurden, es gab keine Mails, die hin und her wanderten. Gerade mal fünf Tage dauerte es, bis das Dutzend Songs im Kasten war - nix Overdubs, nix Schnickschnack. „Daher strotzt das Werk vor Emotionalität, darum liebe ich es so sehr", verriet der Singer/Songwriter-Maestro einem kleinen Kreis europäischer Musikjournalisten im Interview, das am 15. Oktober per Zoom-Schalte geführt wurde. Und schwärmt gleich weiter: „Das Ganze stellte sich als eines der größten Aufnahmeerlebnisse heraus, das ich je hatte."

„Letter To You" enthält neun brandneue Stücke, dazu gesellen sich drei legendäre, live-erprobte, allerdings zuvor unveröffentlichte Kompositionen aus den 70ern. Und alle sind sie dabei, die Überlebenden der E Street Band, ob Nils Lofgren, Stevie Van Zandt, „Boss"-Gattin Patti Scialfa plus fünf weitere wackere Recken. Man bemühte sich, eine klassische Bruce Springsteen & E Street Band-Produktion aus dem Boden zu stampfen. Was soll der Reporter berichten? Experiment unbedingt geglückt!

Dabei ist „Letter To You" bei aller Zeitlosigkeit keine nostalgische Angelegenheit geworden. Bruce Springsteen hat die aktuellen Stücke ganz alleine im stillen Kämmerlein akribisch abgeklopft, ob sie den hohen Erwartungen an sich selbst stand halten. „Aber mir war irgendwann klar", erzählt er den ausgewählten Journalisten, „dass ich wieder echte Band-Songs im Köcher hatte. Man kann so etwas nicht einfach mal abrufen. Die Lieder kommen ja nicht von alleine. Immerhin hatte ich vor nicht allzu langer Zeit eine Schreibblockade."

Als der „Boss" sich über die Qualität seines Stoffs im Klaren war, rief er die E Street-Bande der Reihe nach durch. Alle hatten gewaltige Lust, jenes Album gemeinsam einzuspielen. Angst davor, dass dieses Werk der Abgesang gealterter Musiker sein könnte, kam nie auf. „Wir beantworten diese Frage", lacht Springsteen, „mit einer Menge frischer Energie und mitreißender Spielfreude. Ich selbst fühle mich vitaler als je zuvor."

Nur politische Statements, so unmittelbar vor der schicksalshaften US-Präsidentschaftswahl am 3. November, sucht man vergeblich, obwohl sich der Mann aus New Jersey seit jeher für den jeweiligen demokratischen Kandidaten öffentlich ausgesprochen hat. Wobei: Textzeilen wie über einen „kriminellen Clown, der den Thron gestohlen" hat, oder über ein „Haus in Flammen" - viel eindeutiger könnten diese Aussagen nicht sein. Der „Boss", wie man ihn kennt und liebt. Re-Born in the USA. 

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