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Can sind gelebte Avantgarde: Hommage an die gestorbenen Unsterblichen. Folge 122 aus dem Buch: "Er hatte sie alle". 50 bemerkenswerte Reportagen vom Dießener Michael Fuchs-Gamböck über Pop-Größen.

Michael Fuchs-Gamböck lebt in Dießen. Archivfoto: aloys.news

Folge 122: Can

FRAGE: Jedenfalls würden Can, hätten sich die einzelnen Mitglieder zu einem späteren Zeitpunkt getroffen als 1968, anders klingen als sie es letztendlich tun?
CZUKAY: Na logisch, weil Kunst immer abhängig ist von den Umständen und von den Leuten, die du jeweils triffst. Wichtig ist dieses Prinzip der Offenheit. Wenn du stetig allem und jedem gegenüber offen bist, dann passieren auch die unglaublichsten Dinge.

FRAGE: Nach dem endgültigen Split von Can – also nach 1989, als ihr Rite Time fertiggestellt hattet – hast du dich nur noch mit Soloarbeiten beschäftigt, die auf verschiedenen Labels erschienen sind. Letztendlich 
scheint es, dass eigentlich keine deiner seitherigen Plattenfirmen dich und deine Arbeit verstanden haben, weil sie nie wussten, wie sie dich vermarkten sollen. Trifft dich so was nicht schmerzlich?
CZUKAY: Nein, überhaupt nicht, ich fasse das sogar als Kompliment auf. Ich habe mich inzwischen so an diesen Umstand gewöhnt, dass er mir beinahe Freude bereitet.

FRAGE: Du siehst dich nach wie vor als minimalistischen Symphoniker?
CZUKAY: Ja, wie damals mit Can. Nur, dass ich jetzt eben alleine vor mich hin werkle.

FRAGE: Can wurde auch immer nachgesagt, sie seien die perfekte Synthese aus teutonischen und ethnischen Elementen. Macht dich so eine Aussage nach wie vor stolz?
CZUKAY: Logisch, denn wir wollten immer „Ethno-Leute" sein, primitive Stammestrommler, die mit selbstgebauten Instrumenten so taten, als wären sie irgendwelche Afrikaner. Wir wollten uns unter allen Umständen von unseren akademischen Wurzeln befreien, weil sie uns nicht weiterbrachten. Mir fiel das auch leicht, weil ich nie in meinem Leben eine klassische Aufnahmeprüfung bestehen musste. Also hatte ich damals nicht viel zu verlieren.

FRAGE: Und trotzdem muss es ein Risiko gewesen sein, bei Can einzusteigen, weil ihr ja viele Feinde hattet, die euch in erster Linie Monotonie vorwarfen ...
CZUKAY: Das war kein Problem! Wir haben die Maschinen angeworfen und dann waren sie nicht mehr zu stoppen. Das war so ein unglaublicher Vorgang, da hörten wir über jeden Vorwurf hinweg! Wir sahen uns als groovendes Perpetuum mobile – einmal angefangen und nicht mehr zu stoppen.

FRAGE: Vielleicht lag es an dieser für Deutschland und Europa äußerst ungewöhnlichen Herangehensweise, dass ihr nie den ganz großen kommerziellen Erfolg mit Can verbuchen konntet?
CZUKAY: Erfolg, was bedeutet das? Die Tatsache, dass sich unsere Platten bis heute regelmäßig verkaufen, bedeutet Erfolg für mich. Musiker, die ein einziges Mal die dicke Kohle einfahren und danach nie mehr, müssen ihr Geld verdammt gut anlegen, um in ordentlichen Verhältnissen alt werden zu können. Wir hingegen fahren seit 1968 regelmäßig gute Tantiemen ein. Wenn das nicht kommerziell ist, weiß ich nicht, wofür dieser Begriff eigentlich stehen soll.

FRAGE: Haben euch auch die Soundtracks, die ihr für verschiedene Filme aufgenommen habt, geholfen, euch all die Jahre finanziell gut über Wasser zu halten?
CZUKAY: Ja, auch. Wobei die Filmmusik lediglich ein kleiner Bestandteil des gesamten Can-Werks ist.

FRAGE: Was war das für ein Gefühl, Musik für bereits vorgefertigte Bilder zu machen?
CZUKAY: Wir hatten in dieser Angelegenheit großes Glück. Immerhin konnten wir in den späten 60er-Jahren nicht von der Rockmusik leben, bekamen aber dann diese Filmmusikaufträge. Und wir mussten uns die Filme, die wir musikalisch unterlegten, nicht mal anschauen. Denn wir hatten ja unseren Irmin Schmidt, einen gewaltigen Filmfreak, der uns diese Streifen in den schillerndsten Farben erzählte, um dann zu sagen: „Okay, an der und der Einstellung sind unsere Kräfte gefragt." Wir steckten dann so voller imaginärer Bilder im Kopf, unsere Fantasie war so was von aufgeladen, dass die Musik dazu schließlich nur noch eine Kleinigkeit bedeutete.

FRAGE: An „normaler" Filmmusik wart ihr also nicht interessiert?
CZUKAY: Das waren wir nie, und das bin zumindest ich auch bis heute nicht. Anfang der 90er-Jahre bekam ich das Angebot eines Hollywoodregisseurs, der wollte, dass ich die Musik zu seinem neuesten Streifen komponiere. Er wollte mich einfliegen lassen, damit ich mir den Film anschauen kann. Doch ich meinte nur: „Hey, sparen wir uns das Geld, erzähl mir lieber am Telefon, worum es geht, das genügt mir völlig zur Inspiration".
Der Mann war völlig geschockt von meinem Vorschlag. Das Projekt platzte, weil ich partout nicht anders arbeiten wollte. Der Kerl meinte sogar, ich wolle seinen Film kaputt machen. Übrigens habe ich die CD natürlich dennoch gemacht, allerdings nicht als Soundtrack zu dem Film. Es handelt sich dabei um Moving Pictures, eine Soloscheibe von mir. Insofern hatte der Anruf aus Hollywood doch seinen Sinn.

FRAGE: Zurück zu Can: Siehst du heute die zehn Jahre mit dieser Band als eine nostalgische Geschichte an?
CZUKAY: Nein, ich sehe sie als meine Vergangenheit an, auf die ich stolz bin. Wenn ich diese Ära nostalgisch sehen würde, hieße das, ich würde davon träumen. Das tue ich aber nicht, denn ich bin keiner, der die Vergangenheit verklärt, dafür habe ich auch gar keine Zeit. Ich blicke stets nach vorne, damit der Kopf frei ist für neue, aufregende Abenteuer, die es noch zu bestehen gilt. Ich bin viel zu sehr mit dem Diesseits beschäftigt, um mich mit der Vergangenheit abzugeben. Das machen nur Leute, die mittlerweile nichts mehr zu sagen haben. Und ich habe heute noch was zu sagen, eine ganze Menge sogar.

FRAGE: Wenn du siehst, was die alten Can-Mitstreiter heute so alles machen, was ist das für ein Gefühl – glaubst du dann, der legendäre „Can-Gedanke" hat die Zeiten überlebt, oder glaubst du eher, ihr wart eine Band wie Millionen andere auch?
CZUKAY: Ich kann an dieser Stelle nur sagen: Ich bin stolz darauf, dass aus keinem einzigen Can-Mitglied ein Hänger geworden ist, also einer, der den Anschluss an die Moderne verpasst hätte. Jeder ist seinen Weg gegangen.
Eigentlich ist es ja so wie in der christlichen Entstehungsgeschichte: Da wird ein Stern geboren, der leuchtet für eine bestimmte Zeit hell auf, um eines Tages zu verglühen. Und aus den einzelnen Funken entstehen neue leuchtende Sterne.

Can ist also ein Stammbaum, aus dem neue Äste wachsen. Aber das Leben dieser Äste hängt vom Stamm ab. Er schenkt das Blut, die Energie und den Impuls. Der Can-Baum, da bin ich sicher, wird niemals sterben, selbst wenn alle Beteiligten längst tot sind. Dafür ist er zu ungewöhnlich – und zu stark! 

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