Folge 12
Wieder waren die Cyborg-Alarmglocken bei mir in Bereitschaft! Dann meine Frage: „Sind Religiosität und Spiritualität der Background von Kraftwerk-Songs?" Nun war ich wirklich gespannt. Die eindeutige Antwort folgte auf dem Fuß, ohne großes Nachdenken, ohne Gestammel: „Nein, nein, wir alle sind nüchterne, klar denkende Menschen. Gott oder irgend sonst einer von diesen übersinnlichen Wichten hat in unserem Kosmos nichts verloren."
Berühmt wurden Kraftwerk ja durch ihre endlosen Loops, ihre Kompromisslosigkeit in der Herangehensweise. Wie erklären sich die im System der Zen-mäßigen Direktheit, wollte ich von Hütter wissen. „Nun, wir verdichten die Dynamik der Moderne und halten sie in minutenlangen Ausschnitten fest", analysierte er. „Wir klingen zackig, scharfkantig und etwas distanziert, aber gleichzeitig versuchen wir, jeden unserer Songs haarscharf auf den Punkt zu bringen. Wir gehen keine Umwege. Das ist wirklich Zen.
Die Loops wiederum haben etwas mit dem futuristischen Aspekt unserer Arbeit zu tun. Wir verfolgen damit keine Dramaturgie und schon gar keinen Handlungsablauf. Das interessiert uns nicht. Daher arbeiten wir mit dem Kniff der maschinenmäßigen Endloswiederholung – wir klinken uns während einer bestimmten Situation ins Geschehen ein, bewegen uns darin und blenden uns wieder aus. Kein Hintergrund, keine weiterführenden Gedanken. Lediglich eine klare, sachliche Zustandsbeschreibung. Bei unseren Kompositionen existieren kein Anfang und kein Ende, die einzelnen Partikel sind austausch- bar. Wir sind keine Band mit logistischer, dramaturgischer Basis."
Und schon gar keine Rock 'n' Roller, nahm ich an ... „Um Himmels willen, nein!" Ich meinte beinahe Empörung aus Hütters Stimme herauszuhören, ehe er trocken fortfuhr: „Wir verfolgen zwar ähnliche Ziele wie dieser antiquierte Zirkus – wir bauen auf Tanzrhythmen, einprägsame Melodien, Simplizität –, aber wir sind eben modern. Rock 'n' Roll gehört der Mottenkiste der Geschichte an. Für mich hat Rock 'n' Roll etwas mit Gitarrengeschramme und Schlagzeugsolos zu tun – brrr! Mit solchem Schnee von gestern haben wir nichts am Hut."
Eine letzte Frage durfte ich vor Ablauf meiner Interviewzeit noch stellen. Die musste zwingend so persönlich wie möglich ausfallen, da- mit ich Gewissheit darüber bekam, mit wem ich die letzten 45 Minuten in einem Raum verbracht hatte: Wie würde Ralf Hütter sich und seine Existenz auf diesem Planeten in wenigen Sätzen beschreiben? „Ich habe kein Privatleben im herkömmlichen Sinne, ich vermisse es auch nicht", machte er überzeugend klar. „Wenn ich morgens aufgestanden bin und mir die Zähne geputzt habe – dann werde ich zu Kraftwerk, ganz automatisch. Zu einer Idee also, die mich nie mehr loslassen wird."
Wieder drückte Hütter mir seine knochen- und knorpellose Rechte in die Hand, dieses Mal zum Abschied. Was mich seit diesem Interview eingehend interessiert: Putzen sich Roboter eigentlich die Zähne?
Fortsetzung morgen mit den Toten Hosen
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