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"Er hatte sie alle". 50 Interviews, Reportagen, Porträts von den Stones, Kraftwerk, Rio Reiser... vom Dießener Pop-Journalisten Michael Fuchs-Gamböck. Folge 44: Johnny Rotten von den Sexpistols

Johnny Rotten. Archivbild: aloys.news

Folge 44: Johnny Rotten von den Sexpistols

Ehe ich meine erste Frage loswerden konnte, warf ich noch einen Blick auf meine beiden Gegenüber – ein Fehler! Lydon wie Cook bohrten desinteressiert mit Zahnstochern in den Ohren herum, betrachteten sich interessiert das Ergebnis, um es dann auf mich zu schießen.
Jetzt wurde ich wütend. „So was kann ich auch", feuerte mich mein cognacverseuchtes Hirn an. Ich popelte in meiner Nase und förderte ein paar richtig dicke Klumpen hervor, die ich ebenfalls abfeuerte. Lydon wie Cook starrten mich mit großen Augen an. Die Zahnstocher wanderten in den Aschenbecher, meine Finger zurück auf den Tisch. „Can we start it?", fragte ich. „Sure", kam es unisono zurück. Und noch ein Punkt auf der imaginären Liste für meine kleine, äußerst furchtsame Seele.
„Ist Provokation nach wie vor eure Lebensmaxime?", wollte ich erst mal wissen. „Ja, wir provozieren gerne", gab Lydon zu, „immer noch. Das ist schließlich auch eine Form der Kommunikation. Sie ist sehr direkt, effizient und aufrichtig. Für die meisten Menschen ist es ziemlich unvorstellbar, dass jemand im Popgeschäft ehrlich ist.
Deshalb provozieren wir, damit man uns ernst nimmt – und nicht denkt, wir wären wie all die anderen. Es gibt schon genug Leute in diesem Business, die alles für Geld machen und dabei ihre Seele verkaufen. Man muss die Leute so weit bringen, dass sie einen entweder lieben oder hassen. Sonst erreicht man kein Ziel. Es gibt nichts Schlimmeres auf der Welt als Menschen, die einfach nur eiskalt sind."
„Die Punkbewegung war ja sehr kurz und ...", setzte ich für meine nächste Frage an, doch das Schnellfeuergewehr mir gegenüber ratterte schon wieder los. „Da muss ich etwas klarstellen", knarzte Lydon. „Es gab die Sex Pistols, und dann gab es diese blöde Bewegung, die sich Punk nannte und die versuchte, die Sex Pistols zu imitieren. Damit haben wir nichts zu tun, und es gibt nichts, was uns weniger interessiert. Die meisten Leute denken, wir waren Teil einer Bewegung, aber das sind wir nicht und waren es auch nie.
Die Grundidee hinter der Band war die der französischen Intellektuellen aus dem 19. Jahrhundert und basiert auf Individualität. Die gründeten eine Organisation, um die Individualität zu schützen, und darum waren sie auch individuell. Ich kann das nicht so gut erklären – ich bin noch betrunken von letzter Nacht", lachte John. Und fügte knarzend hinzu: „Jedenfalls, die Leute sind sowieso viel zu intellektuell. Das Leben ist eigentlich viel simpler. Es besteht in erster Linie aus Instinkten. Nur nach denen sollte man handeln. Tja, man sollte bloß klug genug sein, das auch zu wissen."
Wie sah Lydon die Sex Pistols heute, etliche Jahre nach Trennung der Gruppe? Einfach nur als eine weitere Rock-'n'-Roll-Band, wollte ich in Erfahrung bringen. „Nein, wir waren nie einfach nur eine Rock-'n'- Roll-Band", schnaubte der Kerl mir gegenüber. „Wir waren die Sex Pistols. Es gibt keine andere Kategorie dafür, um diese Sache zu erklären. Die Sex Pistols war die einzige Formation, die in den 70er- Jahren überhaupt etwas bedeutet hat. Alles, was danach kam, ist schwache Imitation. Und die Botschaft der Sex Pistols ist immer noch wichtig."
Botschaft?! „Chaos und die komplette Ablehnung jeder Art von Institution", sagte Lydon. „Doch diese Botschaft hat sich bis heute nicht durchgesetzt", musste ich an dieser Stelle einwerfen. „Nein", gab Lydon trotzig zu. „Aber in der Gesellschaft hat sich ganz prinzipiell wenig getan seit Ende der 70er-Jahre. Zum Beispiel hört sie immer noch diesen Scheißdreck namens Discomusik, von den Bee Gees bis hin zu Rave. Alles shit! Ich hasse alles, was es an Musik heutzutage gibt. Lauter total konservative Nachäffer."
Ich musste diesem Dauernörgler natürlich recht geben. Aber nicht laut. Deshalb wollte ich lieber wissen: „Es gibt tatsächlich nichts, was dich interessiert?" Lydon rülpste stilgerecht, ehe er antwortete: „Nein. Nichts. Warum sollte mich etwas interessieren?" Und die Sex Pistols, fragte ich vorsichtig nach. Er lachte nur verächtlich: „Die am allerwenigsten." 

Morgen geht's weiter mit Johnny Rotten von den Sex Pistols

Michael Fuchs-Gamböck: Er hatte sie alle! 50 Geschichten aus 25 Jahren Rock 'n' Roll-, Rock- & Pop-Abenteuer (Taschenbuch)
1. Auflage 2019, 404 S. (=AAA Culture-Taschenbuch, Band 1)
ISBN: 978-3-9817363-2-8

Er hatte sie alle! bietet epochale Einblicke in die Musikszene und die Befindlichkeiten der Top-Stars. 50 Geschichten und Interviews mit den Top-Stars aus der Welt des Rock n Roll, Rock und Pop-Business. Erhältlich bei CoLibri Dießen, Timbooktu Schondorf, Osiander Landsberg und allen guten Buchhandlungen.

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