Folge 86: London kann in Island liegen, oder Bjørk ist die Underberg-Fee Bjørk
Kurz vor Mitternacht dann der zweite, tanzbetonte Teil der langen Nacht im hohen Norden. Underworld wirkten im Vergleich zu Bjørk hypermodern. Auf der Bühne standen nur Synthies, Sequencer und eine einsame Gitarre herum. Doch als die Maschinen zum Leben erweckt wurden, schlich sich den Besuchern eine wundersame Wärme in ihre Herzen. Ein rhythmischer Fluss setzte sich in Bewegung, der sich auf mitreißende Art einen Weg durch Rock, House, Techno und Trance bahnte – und nie mehr aufzuhören schien.
Und dann ging ich raus aus der Laugardashöll und lief einfach nur rum, fröhlich, friedlich, frei, ich war bester Dinge und wollte nie mehr schlafen oder immer nur schlafen, ganz egal, ich wollte einfach nur glücklich sein. Und in dieser Nacht war ich glücklich, keine Frage – scheiß auf meinen malträtierten Magen, die Mitternachtssonne, die latente Melancholie in meinem Herzen. Ich kümmerte mich nicht mehr um meine Freunde an diesem Abend, ließ mich einfach treiben, war irgendwann in meinem Hotelzimmer und zog die Vorhänge zu.
Am nächsten Tag hatten Bart, Bowle und ich frei, was immer das bedeuten mochte, am übernächsten Tag morgens um sechs würde ein Bus auf uns warten, der uns zurückbringen würde zum Flughafen, damit wir um acht im Flieger nach Hause sitzen würden. Dachten wir.
Doch am Abend vor dem Abflug hockten wir drei zusammen in einer Bar nahe dem Hotel, ein Abschiedsdrink noch, daraus wurden einige Abschiedsdrinks mehr, wir turtelten mit drei Freundinnen – Kristina, Mirah und Samantha –, tranken noch mehr Abschiedsdrinks und das Leben nahm seinen Lauf. Alles kam, wie es kommen musste: Bart verschwand mit Mirah auf seinem Zimmer, Bowle mit Samantha und ich mit Kristina.
Kristina, das war mein Problem, sah beinahe aus wie Bjørk und deshalb ging sie für mich als eine Art Heilige durch. Ich konnte ihr stundenlang über den Rücken streicheln, aber vögeln, nein, das konnte ich sie nicht. Wir unterhielten uns bis morgens um sechs, ich streichelte Kristina weiterhin über den Rücken – und dann klingelte mein Telefon im Zimmer, Bowle meinte, dass unser Bus bereitstehen würde, er wäre unten in der Lobby und würde warten. Ich streichelte unentwegt über Kristinas Rücken und sagte nur, so lässig wie möglich: „Ich bleib da, ich hab noch was zu erledigen."
Manches Mal im Leben muss man in der Tat Prioritäten setzen, selbst wenn einem die Werbung mit diesem Spruch zuvorgekommen ist. In diesem Moment spielte das keine Rolle.
Ich blieb noch zwei Tage in Reykjavik, an die ich mich nur schemenhaft erinnern kann, Kristina war immer an meiner Seite und zeigte mir ihre Stadt. Eine herrliche Stadt, vollgepackt mit Feen, Mythen und merkwürdigen Landschaften. Ein Jahr später habe ich Kristina in San Francisco besucht, ihrem neuen Domizil, meine Underberg-Fee mit dem traurigen Blick und dem verlorenen Bjørk-Lächeln auf den Lippen.
Sie wollte unbedingt Schauspielerin werden, Hollywood war nicht weit weg von ihrer Wohnung. Leider war sie damals schon schwer auf Heroin. Ich weiß noch, dass ich eine ganze Nacht lang auf Kristina auf einer Matratze in ihrer WG gewartet habe, während ich leidend Hank- Williams-Lieder hörte. Die Hank-Williams-CD habe ich ihr dann geklaut. Ich besitze sie immer noch.
Ob Kristina noch lebt, weiß ich allerdings nicht. Manchmal hält die Kunst länger als das Leben. Und vielleicht ist das ganz gut so.
Morgen geht's weiter mit Rio Reiser, dem König von Deutschland
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