Iris Berben liest

Ein Foto: Kloster St. Ottilien


St. Ottilien – 75 Jahre ist es her, dass in der bayerischen Erzabtei St. Ottilien jüdische Musikerinnen und Musiker aus den umliegenden Konzentrationslagern, sogenannte Displaced Persons, ihr „Befreiungskonzert" als „Feier des Lebens" gespielt haben. Die Missionsbenediktiner von St. Ottilien beherbergten in ihrem Kloster zwischen 1945 und 1948 Tausende Holocaust-Überlebende in einem dort eingerichteten Hospital. Gemeinsam mit dem Veranstalter der Liberation Concert-Reihe, dem gemeinnützigen Verein Kultur am Ammersee e.V., erinnern sie jetzt in einem Dokumentationsfilm an die damalige Geschichte und wie die Idee eines Artist in Residence künftig daran anknüpfen wird. An der Seite von Schirmherrin Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, machen sich Co- Patron Bundesaußenminister Heiko Maas und eine Reihe namhafter Persönlichkeiten, neben Erzabt Wolfgang Öxler OSB die engagierte Schauspielerin Iris Berben, Bayerns Kulturstaatsminister Bernd Sibler und Landrat Thomas Eichinger, gegen zunehmenden Antisemitismus, Hass und Intoleranz in der Gesellschaft stark.

Hausherr Erzabt Wolfgang Öxler OSB appelliert in der Dokumentation daran, die Geschichte in den Herzen der Menschen wachzuhalten und daraus zu lernen: „Wir wollen mit dem Artist in Residence an die Geschichte, die sich in St. Ottilien abgespielt hat, erinnern und die über die Kunst in die Zukunft hinein- leuchtet." Landrat Thomas Eichinger knüpft für seinen historisch besonders exponierten Landkreis Landsberg am Lech, in dem St. Ottilien liegt, an: „75 Jahre sind ein Zeitraum, der mit einer menschlichen Erinnerung auch nur noch schlecht überbrückbar ist. Deshalb ist es wichtig, dass es uns heute gelingt, die Kultur und hier insbesondere die Musik auch zum Botschafter des Erinnerns zu machen."

Der Film, in den Iris Berben mit einem Prolog aus den Erinnerungen des Zeitzeugen Robert L. Hilliard (95) einführt, ist eine Co-Produktion des Klosters und des Schondorfer Vereins Kultur am Ammersee e.V. Der gemeinnützige Verein, seit 2014 Veranstalter des Klassikfestivals AMMERSEErenade, widmet sein 2018 mit Geigenstar Anne-Sophie Mutter ins Leben gerufene Festival-Benefizkonzert „Liberation Concert" der Finanzierung des Klosterprojekts „Artist in Residence".

Während der jüdischen Hospitaljahre in St. Ottilien wurden über 400 sogenannte Ottilien-Babys geboren, die heute auf allen Kontinenten mit ihren Familien leben und immer noch einen engen Kontakt mit ihrem klösterlichen Geburtsort halten. Ihnen zu Ehren hat Kultur am Ammersee e.V. jetzt mit PM4_Film

Unterstützung des Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus und der Stiftung der Sparkasse Landsberg-Dießen eine Englische Version von „Liberation Concert" mit dem international operierenden Münchener Werbefilmproduzenten Naumann Film hergestellt.

Weitere Protagonisten im Film sind Zeitzeuge Prof. Robert H. Hilliard, der Präsident des Bayerischen Musikrates und Staatsminister a.D., Dr. Thomas Goppel, sowie der Gemeinderabbiner Shmuel Aharon Brodman von der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Aus Berlin zugeschaltet sind Dr. Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, und Pianistin Elena Bashkirova. Die Gründerin des International Jerusalem Chamber Music Festivals bedauert, dass das geplante 3. Liberation Concert mit ihr und dem Kammerorchester des Nationaltheaters Prag im September coronabedingt nicht stattfindet. Das 3. Liberation Concert der AMMERSEErenade ist jetzt auf den 18. September 2021 verlegt.

Das Berliner Diplomatische Quartett, ursprünglich am 27. Mai zur Gedenkstunde in St. Ottilien erwartet, hat das ebenfalls abgesagte Ottilien-Konzert kurzerhand mit Unterstützung des Gemeinderabbiners Boris Ronis in die Synagoge Rykestraße in Berlin-Prenzlauer Berg verlegt. Die mit 2.000 Plätzen größte Sy- nagoge Deutschlands bot einen einzigartigen Klangraum für die Ersatz-Einspielung der fünf Streichquartette des jüdischen Komponisten Erwin Schulhoff (1894-1942). 

Stimmen zum Film

Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

„Bis heute baut die Freiheit unseres demokratischen Staates auf dem Andenken auf. 75 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes hat die Aufgabe, diese Freiheit zu erhalten, nichts von ihrer Dringlichkeit verloren. ... Ganz besonders liegt es heute bei den jungen Leuten, das Gedenken wach zu halten. Die junge Generation kann weitertragen, was seit 1945 aufgebaut wurde. Darauf vertrauen wir, und darauf hoffe ich."

Heiko Maas, Bundesaußenminister

„Mit ihrem Gedenkkonzert trägt die AMMERSEErenade dazu bei, dass die Gräueltaten des nationalsozialistischen Reimes nicht in Vergessenheit geraten und erinnert gleichzeitig an die Hoffnung und Lebens- kraft, die die Überlebenden aus der Musik schöpften. ... Dieses Erinnern muss lebendig sein und uns aufrütteln, zu handeln, wenn Jüdinnen und Juden angegriffen werden mitten in unserem Land. Oder wenn blanker Antisemitismus als vermeintlich harmlose Israelkritik salonfähig gemacht werden soll. Wir müssen bewahren und stärken, was 1945 fast unmöglich erschien: Blühendes jüdisches Leben in Deutschland." 

 PM4_Film

Prof. Robert H. Hilliard, Zeitzeuge

„Es war einKonzert des Lebens und des Todes zugleich. Der Klang der Musik ging in Schmerz über. Die Bewegungen und Gesichter der Musiker waren verkrampft. Wenn Sie Menschen sehen, die Hilfe brauchen, tun Sie was Sie können."

Dr. Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung

„Musik hat Menschen geholfen, das Martyrium des Konzentrationslagers zu überleben. Aber auch nach der Befreiung hat sie ihre außerordentliche Kraft gezeigt, indem ehemalige KZ-Häftlinge das Liberation Concert organisiert haben. Damit haben sie den Grundstein gelegt für Versöhnung."

Bernd Sibler, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst

Für mich ist wichtig, die Lehren aus der Vergangenheit einzubeziehen und keine Schlussstrichdebatte zu führen, sondern auch der jungen Generation in Sinne der Friedenserziehung mitzugeben, dass wir in der deutschen Geschichte viele dramatische Erlebnisse hatten, die so nie wieder kommen dürfen."

Elena Bashkirova, Pianistin

„Leider musste auch die AMMERSEErenade 2020 abgesagt werden und somit auch das Liberation Con- cert, wo ich so gerne für Sie gespielt hätte. Aber eines ist in dieser Zeit besonders wichtig. Das ist die Kraft der Musik."

Rabbiner Shmuel Aharon Brodman, Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

„Die Überlebenden in St. Ottilien gaben nicht auf. Sie gingen den jüdischen Weg weiter, gründeten Familien und studierten unsere Thora. Wir werden diese Menschen nicht vergessen und die Amerikaner, die das Krankenhaus aufgebaut haben und so vielen Juden halfen, ein neues Leben zu beginnen."

Dr. Thomas Goppel, Präsident des Bayerischen Musikrates, Kulturstaatsminister a.D.

„Die Geschichte im Kloster greift die tiefste Phase unserer Geschichte an ihrem Ende auf und fängt neu an. Und jetzt sollen junge Leute beim Artist in Residence das Neue entdecken und das Alte weiter verarbeiten, denn die die Zeugnis geben können, gibt es bald nicht mehr, und diejenigen, die Zeugnis weiterge- ben müssen, müssen ihren Weg finden."

Hans-Joachim Scholz, Vorstandsvorsitzender von Kultur am Ammersee e.V.

„Erinnern und Erinnerung in einer Zeit der medialen Überflutung macht es schwer, Wichtiges von Banalem zu trennen. In einer Zeit der erst schleichenden und dann immer aufdringlicheren Verletzung religiöser Gefühle legt unsere Liberation Concert-Reihe den Grundstein für eine neue Nachdenklichkeit, die mit dem programmatischen Artist in Residence Vergangenheit und Zukunft in einen künstlerischen Diskurs bringt."

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Erzabt Wolfgang Öxler, Doris Pospischil und Landrat Thomas Eichinger. Foto: Kloster St. Ottilien

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Ein Israeli im Kloster
Rein in die Kapellen am Ammersee – aber virtuell

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