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4 Minuten Lesezeit (704 Worte)

It’s only Rock ’n’ Roll, but we like it: Zu Hause bei 
Ron Wood. Folge 129 aus dem Buch: "Er hatte sie alle". 50 bemerkenswerte Reportagen vom Dießener Michael Fuchs-Gamböck über Pop-Größen.

Michael Fuchs-Gamböck lebt in Dießen Archivfoto: aloys.news

Jeden Tag lesen Sie auf aloys.news eine neue Folge aus dem Buch des Dießener Journalisten Michael Fuchs-Gamböck. Es trägt den Titel "Er hatte sie alle. 50 Geschichten aus 25 Jahren Rock 'n' Roll-, Rock- & Pop-Abenteuer" und ist vor drei Jahren erschienen.

Folge 129: Ron Wood von den Rolling Stones

Wir hatten viel Zeit bis um elf, und wir nutzten sie blendend, um einigen, netten Londoner Kneipen unseren Besuch abzustatten. Gegen halb elf drängte unser Fahrer, ein freundlicher Rasta, zum Aufbruch. „Woody wartet", sagte er, „und zwar in Wharthon." Wir saßen mittlerweile in der Portobello Road fest – 30 Minuten Fahrt von Wharthon entfernt, wenn es gut lief.

Doch es lief nicht gut, weil sich der Rasta, Luxi und meine Wenigkeit nicht auf die Hausnummer von Woodys Domizil einigen konnten. Wir kreisten stetig durch dieselben Straßen, während wir uns gegenseitig laut und lauter beschimpften. Der Nebel in der Stadt tat ein Übriges – mit über 30 Minuten Verspätung trafen wir in Rons Haus ein, nachdem uns irgendwann seine Ehefrau Josephine vom Fenster aus zugebrüllt hatte, wo Familie Wood residierte. Na ja, was sollte es – Hauptsache, wir waren da.
Mein erster Blick auf Woody blieb nicht etwa auf seinem berühmten, strubbeligen Haarschnitt, sondern blödsinnigerweise an seinen weißen Tennissocken hängen. „Shit", dachte ich spontan, „Männer in weißen Tennissocken haben Probleme im Bett." Das hatte ich irgendwann mal in der Cosmopolitan gelesen. Ich hätte Woody gerne gefragt, ob dieses Gerücht wahr ist. Aber ich wusste im nächsten Moment, dass ich diese Frage niemals stellen würde. Mann, Ron Wood ist ein Rolling Stone! Und ein Rolling Stone hat keine Probleme im Bett! Niemals! Das verbietet ihm schließlich der Kultstatus.

Woodys Hütte war zweistöckig, aus der viktorianischen Ära und ebenso eingerichtet: ein bisschen spießig, in etwa wie eine überdimensionale Puppenstube, aber immerhin recht gemütlich. Im äußerst geräumigen Wohnzimmer brannten zwei Kamine, die für behagliche Wärme sorgten, die Hausbar war zum Platzen mit exotischen Getränken gefüllt.

Für Woodys geschätzte 1,70 Meter war die Bude richtiggehend perfekt – erst recht für die geschätzten 1,60 Meter seiner – damaligen – Frau. Ich, zehn Zentimeter größer als Woody, hatte da ein paar Probleme mehr: Mein Kopf legte sich ein paar Mal in dieser Nacht mit dem Türrahmen des Badezimmers an und zog beharrlich den Kürzeren.

Über diese Niederlagen halfen mir allerdings einige kräftige Schlucke aus Woodys wunderschöner Jugendstilkaraffe hinweg, die bis zum Anschlag gefüllt war mit Cognac, der beinahe ebenso alt war wie die Karaffe und sicher um einiges älter als ihr Besitzer. Kein schlechter Trost, möchte ich behaupten.

Es war diese Karaffe, die sich Woody – unbemerkt vor den Augen seiner Gattin, einer adretten Blondine um die 40, deren Stimmlage beständig eine Spur zu hoch und zu hysterisch war – schnappte, um mit mir in seinem Büro zu verschwinden. „Puh", schnaufte er, „hier sind wir alleine. Hier können wir reden."

Ich schaute mich ein wenig verlegen um und sah jede Menge Gitarren, ein paar Goldene Schallplatten an den aufdringlich tapezierten Wänden, packenweise Notenpapier. Das Büro eines enthusiastischen Musikers mit schlechtem Geschmack. Woody legte seine Füße mit den weißen Tennissocken auf den Teakholzschreibtisch, machte sich sein Glas mit dem wunderbar-milden Cognac voll, steckte sich eine dicke Cohiba an und fixierte mich mit ein wenig zu wachem Blick für diese Tageszeit.

Ich bediente die Aufnahmetasten meines Rekorders. „Let's do some work", nuschelte ich und versuchte, Woody ein aufmunterndes Lächeln zuzuwerfen. Wahrscheinlich misslang es. Ich genehmigte mir ebenfalls einen Schluck aus dem Cognacschwenker. Ich hoffte, er würde mir Mut machen.

„Okay, fangen wir an." Ich versuchte, cool zu klingen. Ich war cool. Jedenfalls fühlte ich mich in diesem Moment cool. „Na klar", meinte Woody und paffte dicke Rauchwolken in die Luft, „darum sind wir ja hier."

„Wollen wir über die neue Rolling-Stones-Scheibe reden?", wollte ich wissen, ein bisschen weniger cool als vorher. „Warum nicht?", fragte Woody zurück. „Seid ihr dran?", fragte ich. „Yeah", antwortete er. „Ich meine, schau mal, ich werde in diesem Jahr 50, die anderen in der Band sind schon darüber. Wir haben also nicht mehr so viel Zeit wie früher, um uns zu streiten – stattdessen wollen wir lieber eine Platte pro Jahr rausbringen. Wir tun was für unser Lebenswerk, haha." 

Morgen geht's weiter mit Ron Wood von den Stones

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