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Kennen Sie noch Charles Bukowski? Michael Fuchs-Gamböck über Verlag und Verleger, die den Skandal-Autor in Deutschland berühmt gemacht haben. Der Verlag feiert heuer 50. Geburtstag. Bukowski wäre 100 geworden.

Benno Käsmayr, l., mit dem Schriftsteller Charles Bukowski. Foto: Maro-Verlag

Dießen/Augsburg – Es ist wahr, dass der Augsburger MARO-Verlag zu einem professionellen Unternehmen wurde, als er Mitte der 70er Bücher von Charles Bukowski (1920 - 1994) veröffentlichte. Es ist auch wahr, dass MARO für immer und ewig mit dem amerikanischen Kult-Underground-Autor und dessen Werk in Zusammenhang gebracht werden wird. Unwahr ist allerdings, dass Herausgeber und Chef des Hauses, Benno Käsmayr, sich jemals auf den „Buk"-Lorbeeren ausgeruht hätte. Quod erat demonstrandum: In diesem Jahr feiert MARO seinen 50. Geburtstag. Bukowski hingegen ist seit 1994 nicht mehr unter den Lebenden. Auch wenn nach wie vor Bände aus dem Nachlass des Originals in deutscher Sprache ab und an erscheinen.

Die Geschichte dieser einzigartigen Klitsche (was im positivsten Sinne des Wortes verstanden werden soll) führt sogar noch vors Jahr 1970. „Nach bestandenem Abitur in der Schule in meiner Heimatstadt Dillingen 1968 fuhr ich mit meinem Klassen- und Internatskameraden Franz Bermeitinger zur Frankfurter Buchmesse, bewunderte alle Kleinverlage in Halle 4 a und die auf der Gegenbuchmesse in der Mensa der Uni", berichtet Benno Käsmayr, Jahrgang 1948, in dem vor kurzem erschienenen Almanach „Die untergründigen Jahre". Und weiter: „Als wir abends in der „Schwarz Katz" im Stadtteil Sachsenhausen saßen, war uns klar: das, was diese Kleinverlage auf die Füße stellten, das können wir auch."

Doch wie kam es zum ungewöhnlichen Namen? „Mit dem Namen „Maro" hatte mein Freund Franz seine Gedichte in der Internatszeitung gezeichnet", liest man in „Die untergründigen Jahre" nach. „Seine damaligen Brieffreundinnen hießen Maria und Roswitha, also warum nicht „Maro"? Dass der Name dann blieb, war eher dem Umstand geschuldet, dass uns nichts Besseres einfiel.

Im Sommer 1969 stellten wir dann spaßeshalber einen kleinen Band zusammen: „Das große Scheißbuch", mit verballhornten klassischen Gedichten und ganz viel Werbeblättern dazwischen, um eine gewisse Dicke zu bekommen. Wir verkauften etwa zehn Stück für fünf Mark. Das war eine Art Startkapital für „Maro", ohne Frage."

Käsmayr berichtet weiter: „Im Herbst 1969 traf ich in der Unimensa der LMU München, wo ich damals studierte, rein zufällig Tiny Stricker, den ich schon aus der Schulzeit kannte. Er hatte bei einer Dichterlesung teilgenommen, die ich kurz vor dem Abi im Internat organisiert hatte. Tiny erzählte von seinem Orient-Trip und dass er darüber geschrieben hatte.

Das wollte ich lesen! Ich bekam einen Stapel handgeschriebener Blätter, dazwischen lagen auch von ihm beschriebene Prospekte, Ansichtskarten Briefe - das Sammelsurium einer spannenden Reise, inhaltlich ziemlich experimentell. Das gefiel mir.

Um aber daraus ein Buch im Offset zu machen, fehlte mir das Geld. Mein Schwager hatte im Keller einen Spiritus-Umdrucker stehen, den ich benutzen durfte. Das Problem war nur, dass ich die DIN-A4-Matrizen nicht quer in meine Schreibmaschine einspannen konnte. Ich musste also vor dem Abtippen des Strickerschen Manuskripts die Matrizen mit der Schere halbieren und nach dem Betisen wieder faltenfrei mit Tesafilm zu alter Größe zusammenkleben. So entstand der erste „Maro"-Roman, der 1970 zum „Alternativbuch des Jahres" gekürt wurde. Die Mühe hatte sich demnach ausgezahlt."

Benno Käsmayr war - und ist bis heute - ein kultureller Freigeist, ein Mann mit Eigensinn. Demnach ist es nur folgerichtig, dass er stets dem Konzept des unabhängigen Verlegers treu geblieben ist. In guten wie in schlechten Zeiten.

Begonnen hat die Laufbahn dieses notorischen Querkopfs ausgerechnet in einem katholischen Internat im schwäbischen Dillingen an der Donau. „Ich wollte unbedingt aufs Gymnasium, meine Eltern waren von dieser Idee nicht so angetan", erinnert sich Käsmayr. „Doch als ich bei meiner Mutti durchblicken ließ, dass ich vielleicht Priester werden möchte, war die Sache geritzt, weil sie eine ziemlich gläubige Frau war."

Zwar fühlte Schüler Benno sich in dem Institut äußerst fehl am Platz. „Daher habe ich mich aus dem Betrieb weitgehend ausgeklinkt", reflektiert der heute 72jährige lachend, „stattdessen habe ich beinahe nur eines getan - unentwegt gelesen. Die Literatur hat meine Seele beflügelt."

Der Verleger in spe ging 1969 erstmal zum WISO-Studium an die LMU in München, „das ich auch beendet habe", sagt er. „Heute darf ich mich Diplom-Ökonom nennen. Aber die wahre Bestimmung habe ich in einer Augsburger Druckerei gefunden, wo ich neben dem Studium gearbeitet habe. Nach und nach wurde ich zu einem passablen Drucker, die Arbeitsvorgänge haben mir Spaß bereitet, ich liebte den Geruch nach Klebstoff und Papier."

Die Begeisterung von Benno und Kompagnon Franz fürs gedruckte Buch war dermaßen gewaltig, dass sie 1970 MARO ins Leben riefen. Die ersten Jahre wurden Werke in Klein- und Kleinst-Auflagen gedruckt und verkauft. Neben „Trip Generation" von Stricker wurden frühe Sachen etwa der US-Beat-Ikonen Jack Kerouac und William S. Burroughs verlegt, dem Hardcore-Autoren Jörg Fauser und vielen anderen aus dem literarischen Untergrund.

Das Geld war beständig knapp und man stand kurz vor der Aufgabe. Da entdeckte Käsmayr eines Tages Gedichte von Charles Bukowski. „Das Zeug warf mich um", schwärmt er bis heute. „Ich musste unbedingt raus finden, ob ich Lizenzrechte von diesem herrlichen Stoff für Deutschland bekommen konnte."

An dieser Stelle kommt Bukowski-Freund Carl Weissner ins Spiel. Der Mannheimer Anglist, tief mit der US-Underground-Szene verbunden, hatte bereits seit einiger Zeit versucht, von ihm übersetzte „Buk"-Texte bei deutschen Häusern unterzubringen. Fehlanzeige!

„Dass ich Carl fragte, ob Bukowski nicht im MARO-Verlag verlegt werden könnte, finde ich heute noch ganz schön mutig", erinnert sich Käsmayr im Almanach „Die untergründigen Jahre" beschwingt. „Dass Reissner zurückschrieb: „Besser ein Buch in einem kleinen Verlag als gar kein Buch", war für mich der Hammer. Und der Anfang des Verlags raus aus einem Dachzimmer hinein in die Buchbranche."

Mehr als 150.000 Bukowski-Werke wurden verkauft im Laufe der kommenden Jahre – sensationelle Zahl für einen Klein-Verlag. Als „Buk" merkte, dass mit seinen Büchern in Deutschland richtig gutes Geld zu verdienen ist, bat er Benno und Carl, dass Lizenz-Rechte für Taschenbücher an große Verlage verkauft werden sollen. So geschah es. Und Käsmayr wurde nach eigener Aussage „zwar alles andere als reich mit MARO. Aber ich konnte fortan und bis heute genau den Stoff raus geben, der mir taugt. Darauf bin ich irgendwie stolz", meint er.

Inzwischen hat sich der Mann mit dem nach wie vor wuscheligen Lockenkopf weitgehend aus dem Buch-Geschehen zurückgezogen. Das MARO-Schild findet man nach wie vor, wie seit den 80ern, an einem Fabrikgebäude im Augsburger Industriegebiet Oberhausen. Doch seit einiger Zeit ist Generationenwechsel angesagt: „Meine Tochter Sarah steigt mehr und mehr ins MARO-Geschäft ein", freut sich der Herr Papa. „Sie ist ausgebildete Diplom-Designerin, krempelt das Programm mehr und mehr um, womit ich kein Problem habe. Kein Wunder, dass es bei uns inzwischen auch Fachbücher über Textil-Technik gibt."

Die 33jährige Filia lebt aktuell in Berlin, „aber wer weiß, vielleicht zieht es sie ja doch mal ganz nach Augsburg. Ich mache da keinen Druck. Aber schön wäre es schon. MARO soll und darf nicht sterben", hofft der Papa mit versonnenem Blick in die Ferne. 

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Kommentare 1

Gäste - Regina Müller am Sonntag, 08. November 2020 12:17

Toller Bericht! Das Format a.n habe ich gerade erst entdeckt und bin begeistert. Macht weiter so. Eine super Mischung aus Nachrichten, Kultur und was man sonst noch so wissen will.

Toller Bericht! Das Format a.n habe ich gerade erst entdeckt und bin begeistert. Macht weiter so. Eine super Mischung aus Nachrichten, Kultur und was man sonst noch so wissen will.
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