Musikalisches Vermächtnis. Leslie Mandoki ist auch mit 68 Jahren rebellisch geblieben. Von Peter Stöbich

1975 flüchtete Leslie Mandoki von Ungarn nach München. Foto: Red Rock Productions

Tutzing – Obwohl seit Monaten keine Konzerte und Tourneen mehr möglich sind, sitzt Musik-Produzent Leslie Mandoki keineswegs untätig in seinem Red Rock-Studio in Tutzing. Allen Ärzten, Krankenschwestern und sonstigen Helfern in der Corona-Pandemie zollt er in seinem Song "Thank you" Respekt. "Die ungewohnte Situation des Lockdown sollte uns zur Nachdenklichkeit animieren", sagt der Künstler, "denn diese globale Bedrohung ist als Charaktertest für unsere Solidargemeinschaft zu begreifen."

Dutzende von goldenen Schallplatten, anderen Auszeichnungen und Konzertfotos schmücken den Treppenabgang in Mandokis Reich der Töne. Am Starnberger See, in der Nachbarschaft zu Peter Maffay, hat der gebürtige Ungar eines der am besten ausgestatteten Tonstudios in Europa aufgebaut; dort geben sich zu normalen Zeiten Stars aus aller Welt die Klinke in die Hand. "Wenn sie nach Tutzing kommen, sind sie aber nicht die berühmten Stars", sagt er, "sondern einfach Freunde und gern gesehene Kollegen - es geht immer sehr familiär zu."

Der Komponist, Produzent und Schlagzeuger versteht sich als Vorreiter des "Branded Entertainment", das im Auftrag von Firmen Ideen liefert, Programme zusammenstellt und Formate entwickelt. So war er als sogenannter Musical Director für Audi und Volkswagen tätig, arbeitete für die Daimler AG ebenso wie für den Disney-Konzern oder den FC Bayern München. Sein Weg zum internationalen Erfolg war nicht einfach, nachdem er 1975 als illegaler Einwanderer und junger Asylbewerber in München angekommen war. Um Fuss zu fassen, halfen ihm damals etablierte Kollegen wie Udo Lindenberg und Klaus Doldinger.

"Zuvor hatte ich am Musikkonservatorium Budapest studiert und war als Anhänger der studentischen Opposition ständig Verfolgungen durch die damalige kommunistische Regierung ausgesetzt." Nachdem er mehr als ein Dutzend Mal verhaftet worden war, floh er zusammen mit anderen Musikern und Künstlern zu Fuß durch den Karawankentunnel nach Österreich und weiter nach Deutschland; später wurde er deutscher Staatsbürger.

Als Studiomusiker in München war Mandoki zunächst wenig erfolgreich, später wurde er als Mitglied der Band Dschinghis Khan erstmals weithin bekannt. Dass er einst "Hadschi Halef Omar" singen musste, ist ihm heute zwar nicht mehr peinlich, aber am riesigen Regiepult mit hunderten von Reglern und Knöpfen redet er lieber über aktuelle Probleme und politische Perspektiven.

"Wenn wir die Pandemie hinter uns haben, werden wir darüber sprechen müssen, was sich in Deutschland verändern muss. Ich glaube, es ist an der Zeit, eine bessere Welt zu bauen", stellt er fest. Es gehe um die Frage, was Künstler mit ihrer Musik bewegen können. "Mich hat immer die Idee fasziniert, dass Kunst, vor allem Rockmusik, ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft ist."

Deshalb hat er mit seinen Soulmates, einer hochkarätigen Truppe befreundeter Musiker aus aller Welt, das Konzeptalbum "Living in the Gap/Hungarian Pictures" aufgenommen, das zu gesellschaftlichen Veränderungen eindringlich Stellung bezieht. "Es hat durchaus den Anspruch, anzuecken, aber auch aufzurütteln und Brücken zu bauen. Und vor allem soll es gegen die Spaltung der Gesellschaft angehen." Hungarian Pictures basiert auf Themen und Volksliedern, die der ungarische Komponist Béla Bartók gegen den damals aufkeimenden Nationalsozialismus in der Karpatentiefebene gesammelt hatte.

Mit seinem Doppelalbum richtet sich der 68-jährige gerade an die "jungen Rebellen" von heute, wie er betont: "Wir kehren mit der Platte dahin zurück, was Rockmusik in den Siebzigern ausgemacht hat: rebellisch zu sein und renitent." Er bezeichnet "Living in the Gap" als sein künstlerisches Vermächtnis und "das Statement eines Europäers, der in der Welt zuhause ist".

Die Corona-Krise habe zwar die Betriebsamkeit im Tutzinger Studio und die alltägliche Routine extrem heruntergebremst, doch die Kreativität und gesellschaftliche Verantwortung eines Künstlers ließen sich nicht in Quarantäne sperren. "In meiner Isolation erreichen mich auch Hilferufe von Kollegen, die jetzt am Rande ihrer Existenz stehen."

Er mache sich viele Gedanken, wie etablierte Musiker in dieser schwierigen Zeit ihre Berufskollegen effektiv unterstützen können. "Dazu telefoniere ich oft mit den für die Künstler zuständigen Verbandschefs und auch mit politischen Entscheidungsträgern", erzählt er. "Unsere Branche wurde als Erstes vom Lockdown betroffen und wird als Letztes wieder hochgefahren." 

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