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Nachrichten aus dem Keller, No. 2 – Maitre Georges sagt: Der Sauvignon Blanc erhellt die dunkle Jahreszeit

Die Winzerfamilie Gaul aus Grünstadt-Asselheim in der Pfalz. Zweiter v.r. ist Matthias Gaul Foto: Winzer Gaul

Ammersee West – Der Sauvignon Blanc ist ein Charmeur, ein Schmeichler und Seelentröster. Zur Sache!  Nun – mich fasziniert der Jahreszeitenwechsel seit der Kindheit. Frühjahr: Alles erwacht! Sommer: Sonne, warm, laue Nächte, Hochstimmung! Herbst: Natur und Mensch bereiten sich auf die stade Zeit vor! Runterfahren, Entschleunigen. Winter: kurze Tage, lange Nächte, Rückzug, Schneeflocken, klirrende Kälte, Frost, weiße Landschaften, Stille. Und – jetzt auch noch Corona mit seinen Konsequenzen! Das Faszinosum die Gegensätze wie Regen – Sonne, lange Tage – kurze Nächte, Kälte, Frost – Hitze, Trockenheit! Platzen vor Energie – Durchhängen…

Die Kunst des Winzers: das Positive solch konträrer Situationen in seinen Weinbergen zu nutzen. Im Frühjahr muss er die explodierende Kraft seiner Reben dahin steuern, dass die Trauben so, wie es seiner önologischen Philosophie entspricht, gedeihen. Etwas Wind und Sonne, ab und an Regen wünscht er sich im Sommer. Bei Reben, wie dem Sauvignon Blanc, dessen Rebstöcke dicht beblättert sind, erfordert das z.B. heftige Laubarbeit, denn die dichtbeerigen und dickhäutigen Trauben brauchen Sonne und Licht, um zu reifen! Zudem liebt diese Rebe warme Weinbergslagen mit einem fruchtbaren, nicht zu schweren Boden, der immer leicht feucht ist. Frost im Frühjahr mag der Sauvignon Blanc überhaupt nicht, seine Blüten sind sehr empfindlich. 

Aber, der Sauvignon Blanc belohnt seinen Winzer, wenn dieser sich ab Jahresbeginn um ihn kümmert, ihn hegt und pflegt. Wer hier die Diva umgarnt, den belohnt sie im Glas mit Frische und Brillanz. Kein Wunder, dass Sauvignon Blanc nach Chardonnay die weltweit zweitwichtigste Weißwein-Sorte unter Qualitätsaspekten ist! Sie ist eine geniale Kreuzung von Chenin Blanc und der Traminer-Traube. Während der Chenin Blanc die Säurestruktur einbringt, aber auch die Textur für die Frische- und Fruchtnoten, ist es die Traminer-Traube, die die Fruchtaromen schwülstig einträgt!

In Ländern wie Frankreich (in den Weißwein-Regionen Loire Tal, Pouilly Fumé und Sancerre), Italien, Spanien, Österreich, Neuseeland, Australien, USA, Südafrika haben Sauvignon-Weine eine hohe Wertigkeit bis hin zum Kultstatus (Neuseeland).

Doch werte Genießer und Genießerinnen eines guten Weins jubelt!

Die Zeiten, dass Deutschland auf der Sauvignon-Landkarte fehlt, sind passé! Unser Winzernachwuchs ist längst önologisch erwacht! Er erkannte, dass von den Böden her in unseren großen Lagen bspw. in Baden (inkl. der Bodensee-Ecke um Meersburg), in der Pfalz, in Rheinhessen, in Württemberg, im Rheingau Ideal-Zustände für Sauvignon Blanc gegeben sind!

Der deutliche Anstieg der Anbauflächen an Sauvignon Blanc hierzulande zeigt, der Knoten ist geplatzt. Die hiesige Winzergilde hat Spaß an dieser Traube gefunden und macht Weine aus Sauvignon Blanc, die aus meiner Sicht mindestens auf Augenhöhe mit dem Weinestablishment der Vorreiter-Länder sind! Unsere Jungwinzer sind önologisch hervorragend ausgebildet und haben die Fähigkeiten, auf ihre Weinbergs- und Terroir-Lagen ausgerichtete, differenzierte Weine zu machen. Vielfalt und Qualität vom eleganter Mineralität und knackiger Frische, bis zum Gaumenbetörer durch ein Süß-Säure-Spiel mit feiner Fruchtigkeit im Abgang.

Nachfolgend liste ich Ihnen einige gelungene Beispiele superb gemachter Sauvignon Blanc von Winzern aus genannten dt. Regionen. Sie beweisen ihr Können auch bei anderen Sorten – ob Weiß oder Rot – auf Top-Niveau. Sie wissen beim Sauvignon dass er vom ersten Trieb an seine volle Aufmerksamkeit fordert! Neben intensiver Handarbeit braucht man wegen der Steillagen, eine gute Beinmuskulatur und Ausdauer, sowie das Gespür für den absolut richtigen Zeitpunkt der Traubenernte.

Ein so betreuter Sauvignon kann nicht für 4 Euro über den Ladentisch gehen, erst recht nicht, wenn die Trauben handgelesen in kleine Bütten den Hang hinuntergetragen werden!

Andererseits sind richtig schöne Zungenschnalzer bereits zwischen zirka 9 Euro bis 17 Euro zu haben. Des Winzers „Best of", wo jeder Schluck einen Nachhall auslöst, als hätte Ann-Sophie Mutter gerade zu ihrem Goldenen Preis aufgespielt, liegen bei 25 Euro bis 30 Euro. Klingt überteuert, aber in diesen Weinen steckt viel des „Best of" vom Weinmacher. Hier hat er all seine Qualitäten, all sein Wissen und handwerkliche Kunst in seinem Keller eingesetzt. 

Meine Herzasse in der Kategorie/Flasche von 9 Euro bis 17 Euro

Weingut Braunewell (Selztal, Rheinhessen) www.braunewell-wein.de 2019 Sauvignon Blanc trocken, 12,5% vol. Alk., am Gaumen knackig frisch, Aromen-Säure-Spiel mit Anklang an Stachelbeere, Granny Smith, reife Ananas, etwas Birne, elegant, nicht zu wuchtig im Abgang. Rundet Fischgerichte und Quiches, auch Eintöpfe sehr gut ab.

2019 Sauvignon Blanc Reserve, 13,5% vol. Alk., Boden: Kalkstein, gute Mineralik, 36 – 48 Std. Maischestandzeit, danach Vergärung im Barrique mit anschließender Lagerung auf Feinhefe bis März, Abfüllung Juli 2019! Kräftig am Gaumen, harmonisches Zungenballett an angenehmen Aromen mit Holunder, Stachel- und Johannisbeere, pikant nach grüner Paprika insgesamt ausbalanciert im Nachhall! Adelt Fisch- und Meeresfrüchte (hmmm … zu Jakobsmuscheln), hat auch keine Angst vor Asiatischem Essen.

Weingut Fischer (Inh. Dr. Heger) (Nimburg / Baden) www.fischer-weine.de 2019 Sauvignon Blanc trocken, 13% vol. Alk., frisch, jugendlich, ermunterndesSüß-Säure-Spiel, betontes Säure-Aroma mit Nuancen von Zitrusfrüchten und Stachelbeere. Im Abgang etwas Schärfe von grüner Paprika. Wunderbar z.B. zu Quiche mit Kohlrabi, Spinat. Ein toller Begleiter auch zu Schäufele badischer Art. Lecker zu Flammenkuchen.

Weingut Matthias Gaul (Grünstadt-Asselheim, Pfalz) www.gaul-weine.de 2017 Sauvignon Blanc trocken, 12,5% vol. Alk., Feine Mineralik vom felsigen Kalkboden, schonend gepresstes Traubengut, Vergärung im Barrique und ca. 5 Monate Lagerung auf Vollhefe, dann Flaschenabfüllung! Im Mund fruchtiger Körper, schlank durch sanftes Säurespiel, erinnert an Stachelbeere und Zitrusfrüchte, schöne Mundfülle im Abgang. Knackige Abrundung von Salat aus Radicchio mit fast reifen Birnenstücken und feinen in Olivenöl eingelegten Thunfischfilets, packt aber auch einen herzhaften Flammkuchen oder gibt einem Zitronenhähnchen mit gebackenen Kartoffeln die entscheidende Raffinesse!

Weingut Aufricht, Robert und Manfred (Meersburg / Stetten, Baden) www.aufricht.de 2019 Sauvignon Blanc „1 Lilie" (entspricht bei Aufricht einem wertigen Gutswein),13% vol. Alk., frisch, am Anfang etwas säurebetont, aber dann geht der Aromentanz auf der Zunge los! Volles Brett an klarer Frucht, leicht rote Grapefruit, dann kommen Apfelnoten, Johannisbeeren, sanft stachelbeerig. Graziler Begleiter zur Käseplatte, gibt auch sein Bestes zu Fisch (Saibling, Bodensee-Felchen …) und einem Steinpilzrisotto den letzten Schliff…

Meine Sauvignon Blanc „at it's Best" (25 Euro bis 30 Euro)

Weingut Aufricht, Robert u. Manfred (Meersburg / Stetten, Baden) www.aufricht.de 2018 Sauvignon Blanc „3 Lilien" (entspricht bei Aufricht „Best Lage") 14% vol. Alk. Ein Sauvignon aus „Alten Reben" gemacht nach Motto: „Hast Du ein Tief, ich richte Dich auf"! Bestes Traubengut, sanft gepresst, dann im Tonneaux vergoren und 5 Monate auf Feinhefe gelagert, späte Flaschenabfüllung. Den schonenden Umgang bei der Vinifizierung spürt man im Glas: mineralisch, pikante Note der Sorten-typischen Ausrichtung nach grüner Paprika, Äpfeln, Stachel- und Johannisbeeren, etwas Holunder und ein Hauch reifer Birne und Ananas! Anhaltende Mundfülle der Aromen, die sich toll paaren mit einer hervorragenden Bodensee-Fischsuppe bzw. dem Fischtopf á la Rezept z.B. vom Gasthof „GRÜNER BAUM" in Moos oder gerollten Pfannkuchen gefüllt mit in Würfel geschnittenem, leicht geräuchertem Forellenfilet in Sauerrahm mit Schnittlauch! Vorsicht! Suchtgefahr! Mit oder ohne Essensbegleitung!

Weingut Matthias Gaul (Grünstadt-Asselheim, Pfalz) www.gaul-weine.de 2017 Sauvignon Blanc St. Stephan, 12,5% vol. Alk . Reben auf steinigem Kalkboden mit kleinen Kalksteinen an der Oberfläche, Südlage! Vinifizierung: schonende Ganztraubenpressung, langsame Vergärung in neuen Barriques, lange Lagerung auf Vollhefe mit Aufrühren alle vier Wochen (Batonage), späte Flaschenabfüllung! Im Glas schmeichelnder Fumé-Charakter, ausgewogene Stachelbeer-Aromatik, strukturierte, dichte Textur mit unterlegten Tanninen und prickelnde Mineralik. Lagerfähig bis 9 Jahre! Hier könnte man statieren: je oller, desto toller! Vor drei Tagen diesen Wein genossen und mir ist, als hätte ich diesen Tropfen immer noch auf der Zunge – er ist einprägsam, unvergesslich! Die Frucht-Säure „Tonalität" hängt vom Essen ab: Fischgerichte oder ein Eintopf verlangen nach etwas Säurebetonung und Mineralik, ein süßer Auflauf oder ein Hefezopf fordert die Frucht heraus. Und ein Glas „ohne was" dazu, ergibt einfach dieses frische Aromen Spiel auf der Zunge! Dieser Wein hält alles! Genial gemacht! Genial im Mund!

Was gibt es Schöneres als den Abend in der kühlen und feuchten Herbstzeit mit einem (oder zwei) Glas sauber ausgebautem Sauvignon Blanc einzuläuten? Meine Empfehlungen spiegeln alle beschriebenen Varianten/Richtungen der deutschen Sauvignon Blanc wider: Frische, Mineralik, ausgewogene Aromen-Säure Textur und Aromen Vielfalt! Genießen Sie diese Sauvignon Blanc  im größeren, offeneren Weinglas – so entwickeln sich die Aromen deutlicher und Sie riechen, welches Aromen-Ballett gleich auf Ihren Zungen-Rezeptoren losbricht. Das Auge strahlt, die gelblichen Reflexe changieren in diversen Tönen – glauben Sie mir, Sie erhellen den garstigsten Herbstabend wie Alice im Wunderland!

Ihr Maitre Georges

Die nachfolgende Generation der Winzerfamilie Gaul hat eigene Ideen. Foto: Winzer Gaul
2017 Sauvignon Blanc St. Stephan, 12,5% vol. Alk . Reben auf steinigem Kalkboden mit kleinen Kalksteinen an der Oberfläche, Südlage! Foto: Weingut Gaul
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