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Weitermachen – Die Künstler und das Publikum brauchen das.

Freuen sich auf ihr Adventskonzert: Doris Pospischil und ihr Mann Hans-Joachim Scholz Foto: AMMERSEErenade

Schondorf – Vor sieben Jahren sind Doris Pospischil und ihr Ehemann, Hans-Joachim Scholz (Bild oben), zum ersten Mal mit der AMMERSEErenade an die Öffentlichkeit getreten. Mittlerweile ist das Sommerfestival aus dem kulturellen Leben der Ammerseeregion nicht mehr wegzudenken. Die Akzeptanz des Publikums ist hervorragend. Dieses Jahr war alles anders. Kein einziges Konzert fand statt. Der beim Publikum so beliebte Kapellentag mit Musik der verschiedensten Art in 25 zumeist privaten Kirchlein rund um den See, fand nicht analog, sondern nur digital statt. Alois Kramer von aloys.news hat sich mit den beiden Organisatoren in ihrem Haus in Schondorf unterhalten.

aloys.news: Was war das für ein Gefühl, die Konzerte absagen zu müssen?

Doris Pospischil: Natürlich ist das deprimierend. Die Corona-Pandemie verunsichert, du wir können nur hoffen, dass die AMMERSEErenade 2021 wieder durchstarten kann. Das Organisieren der Festivalwoche, das Terminieren, und natürlich die Förderanträge zu stellen, ist schon anstrengend. Wir sind sehr froh für unser gutes Team, das uns unterstützt, aber Thema Förderanträge und Sponsoring ist schon besonders. Dazu kommt, dass mein Mann und ich die künstlerische Leitung des Festivals haben und damit auch das Programm verantworten. Und das soll vielen Menschen, jung und älter, gefallen. Die Mischung macht's, wobei ich gerne hinter die Expertise meines Mannes zurücktrete. Er kennt sich bestens aus in der Welt der klassischen Musik.


aloys.news: Woher kommt Ihre Musikleidenschaft?

Hans-Joachim Scholz: Ich hatte das Glück, meine Leidenschaft für die klassische Musik mit meinem Beruf als Bankkaufmann verbinden zu können. Die Finanzierung von Tonträgern erforderte damals die enge Zusammenarbeit mit den Künstlern wie Leonard Bernstein, Karl Böhm oder Herbert von Karajan und den besten Orchestern der Welt wie den Wiener Philharmonikern und den Berliner Philharmonikern.

Mit wenigen Ausnahmen reicht es, wenn wir unser Programm ein Jahr im vorausplanen. Natürlich nicht bei weltweit gefragten Künstlern wie die großartige Geigerin Anne-Sophie Mutter oder Dirigent Zubin Mehta, die mit uns die Benefizkonzertreihe „Liberation Concerts" 2018 in St. Ottilien aus der Taufe gehoben haben. Grundsätzlich gilt der abgewandelte Fußballspruch: Nach der AMMERSEErenade ist vor der AMMERSEErenade.


aloys.news: Die Liberation Concerts sind das jüngste Kind der AMMERSEErenade ...

Doris Pospischil: ... und das wertvollste. Die Benefizkonzert erinnern uns an die jüdische Geschichte von St. Ottilien und die Displaced Persons, Juden, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts 1945 im Kloster untergebracht waren. Während der jüdischen Hospitaljahre wurden übrigens mehr als 400 sogenannte Ottilien-Babys geboren, die heute auf allen Kontinenten mit ihren Familien leben und immer noch einen engen Kontakt mit ihrem klösterlichen Geburtsort halten. „Liberation Concert" ist auch der Titel einer halbstündigen Dokumentation, die wir zum 75. Jahrestag des legendären Befreiungskonzertes 1945 im Mai produziert haben. Viele bekannte Persönlichkeiten haben diese Idee mit uns geteilt, wie Bundesaußenminister Heiko Maas als Co-Schirmherr von Charlotte Knobloch, der letzte lebende Zeitzeuge des Konzertes Prof. Robert Hillard (95) oder Iris Berben, die aus dem seinem Buch liest. Das sind wichtige und substantielle Stellungnahmen zu einem eigenen Kapitel des Klosters. Sie spiegeln deutsche Geschichte wie in einem Brennglas wider. Ddas Ende einer furchtbaren Zeit und ein neuer Anfang.


aloys.news: Die AMMERSEErenade ist regional verwurzelt ...

Doris Pospischil: Ja, absolut. Die Attraktivität des Ammersees ist aber weit über die Region hinaus bekannt und zieht somit schon das Publikum an. So nahe zu München bietet das Fünfseenland alles, was das Leben schön macht. Und die Verbindung von Musik und Natur hat schon immer viele Künstlerinnen und Künstler hierher gezogen, und nicht nur berühmte Komponisten wie Carl Orff, Hans Pfitzner oder Bert Brecht, sondern auch großartige Malerinnen und Maler. Die AMMERSEErenade konnte also eigentlich keine bessere Ausgangsposition bei ihrem Start 2014 haben, auch mit Hilfe der überregionalen Medien, die diesen Dreiklang aus Kultur, Natur und Bodenständigkeit seitdem aufmerksam begleiten. Die intime Atmosphäre, zu der alle, Künstler, Helfer und auch Publikum beitragen, ist schon einzigartig. Und dazu die überschaubaren Spielorte, wo Künstler und Zuschauer sich naturgemäß nahekommen wie sonst nirgendwo.


aloys.news: Sie haben also eine gewisse Arbeitsteilung?

Doris Pospischil: Der Charme der AMMERSEErenade – auch für unsere Künstlerinnen und Künstler - ist sicherlich der familiäre Umgang bei der AMMERSEErenade, die persönliche Ansprache, wobei die Musik uns alle verbindet. So bleiben viele schöne Begegnungen gerade bei uns hier zuhause in Erinnerung, die erzählt werden wollen. Mein Mann ist der Spezialist für die Musik, die Komponisten in ihrer Zeit und ich die Geschichtenerzählerin von heute.


aloys.news: Corona zum Trotz wagen Sie ein Adventskonzert, wie ich gehört habe? 

Doris Pospischil: Weihnachten ist das Fest der Liebe, das sehr stark mit Emotionen verbunden ist. Ganz ohne Musik, ohne Weihnachtsmarkt und Glanz mag man sich nicht vorstellen. „Advent am Ammersee" ist eine Premiere, das mit seinem besinnlich-fröhlichen Programm Mut in dieser schwierigen Zeit geben soll. Den Künstlern und den Besuchern gleichermaßen. Am 11. Dezember öffnet die Klosterkirche der Erzabtei St. Ottilien ihre Türen für zwei programmatisch identische Konzert von etwa 90 Minuten. Wir freuen uns auf den Nachwuchschor des Tölzer Knabenchors, ebenso wie auf die Russische Kammerphilharmonie St. Petersburg. Die 30 Sänger vom Knabenchor stehen mit jeweils zwei Meter Abstand in der Apsis der Kirche. Das ist nicht leicht für die Kinder. Wir sind sehr gespannt, wie das klappt.


aloys.news: Die Devise lautet also mutig sein trotz Corona?

Hans-Joachim Scholz: Wir hoffen sehr, dass uns die Infektionszahlen Ende November die beiden Konzerte erlauben. Wir bleiben jedenfalls zuversichtlich. Es werden leider nur 100 Besucher bei jedem der beiden Konzerte an Nachmittag und Abend in der Kirche dabei sein können, wenn von Alpenländischen Weisen über Mozart bis Tschaikowsky in der Kirche erklingen. Wir sind sehr froh, dass wir uns dabei auf das bewährte Hygienekonzept des Klosters stützen können. Und noch eine Besonderheit: Im 1300. Todesjahr der Heiligen Ottilie, der Namens- und Schutzpatronin der Erzabtei und der weltweiten Ordenskongregation, spielt zwei Tage vor ihrem weltweiten Gedenktag mit Johannes Gautama Gierlichs ein 25-jähriger blinder Musiker an der großen Sandtner-Orgel. Der Legende nach blind geboren, wurde die Elsässer Herzogstochter bei ihrer Taufe im Alter von 12 Jahren sehend. Die Uraufführung seiner sakralen Weihnachtssuite für Orgel und Orchester reiht sich in die Höhepunkte des Konzertes ein.

aloys.news: Frau Pospischil, Herr Scholz, ich danke Ihnen für das Gespräch. 

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Kommentare 1

Gäste - Ulrike Schmitt am Freitag, 27. November 2020 11:07

Ein schönes Interview. Vielen Dank!

Ein schönes Interview. Vielen Dank!
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