Schriftgröße: +
6 Minuten Lesezeit (1237 Worte)

Yorck Dertinger: "Die Ausstellung erklärt sich eigentlich von selbst". Interview mit dem Schondorfer Fotografen über sein ungewöhnliches Dorfporträt. Von Alois Kramer

Das Setting beim Fotografieren. Foto: Yorck Dertinger

Schondorf – Gemütlich sitzen Yorck Dertinger und ich am Samstagnachmittag im Garten vor dem Studio Rose. Am Sonntag geht seine Ausstellung "Dorfporträt" zu Ende. Der Fotograf, 1965 in Hamburg geboren in Frankfurt aufgewachsen, passt auf seine Ausstellung mit den Gesichtern aus Schondorf auf. Seit vielen Jahren lebt der gelernte Werbetechniker von Auftragsfotografie. Im Moment besteht seine Arbeit aus einem Mix aus Architekturfotografie und Porträts von Menschen. Aber das ändert sich von Jahr zu Jahr, meint er. Die spektakuläre Ausstellung wird voraussichtlich nächstes Jahr in Italien gezeigt – weitere Termine sind in Vorbereitung. 

aloys.news: Wie kamen Sie zu der Idee zu diesem Projekt?

Yorck Dertinger: Ich zog vor 14 Jahren mit meiner Frau und meinem Kind an den Ammersee und wusste nach der ersten Nacht hier, dass ich den Ort nie mehr verlassen werde. Allerdings ist das mein 14. Wohnort. Ich hatte in Kronberg bei Frankfurt gelebt, in der Eifel, im Raum Köln. Sie sehen, ich war viel unterwegs bis ich endlich zur Ruhe kam. Schondorf war für mich so was wie Liebe auf den ersten Blick. Als voriges Jahr der Lockdown verordnet wurde, hatte ich zum ersten Mal Zeit. Da traf ich Dr. Silvia Dobler und sie hatte mir das Atelier Rose gezeigt und das alte Maleratelier von Heinz Rose. Das wurde mein Aufnahmestudio. Ich habe sofort kapiert: Großes Fenster nach Norden, weiches Licht. Ideal zum Fotografieren oder zum Malen. Dann habe ich eine halbe Stunde nachgedacht, was ich machen könnte und mir kam die Idee Schondorf zu porträtieren. 


aloys.news: Aber sie haben keine Häuser, Straßen und das Ufer fotografiert, wie man das normalerweise macht, wenn man einen Ort ablichtet?

Yorck Dertinger: Mein Plan war, den Ort über seine Bewohner zu porträtieren, sozusagen eine Zeitkapsel zu erstellen. So ging's los. Mir war klar, dass ich nur 99 Fotos ausstellen konnte im Studio Rose. Mehr passten nicht auf die Wände. Dazu musste ich aber an die 300 Fotos machen, um einen guten Schnitt durch die Bevölkerung zu bekommen. Ich hatte auch den statistischen Daten entsprechend die Bilder ausgesucht. Ich hätte auch viel mehr Porträts von einer Familie gezeigt, aber das wäre der Statistik nicht gerecht geworden. 


aloys.news: Dann sind Sie also professioneller Fotograf?

Yorck Dertinger: Ja, seit 30 Jahren arbeite ich in diesem Metier.


aloys.news: Wie kamen sie zu der Auswahl?

Yorck Dertinger: Rein nach dem Zensus ausgesucht, also nach dem Alter, nach wirtschaftlichen Verhältnissen und Bildung. Ich habe angefangen beim Alter. Damit, ich den richtigen Altersdurchschnitt erreiche. Das Einwohnermeldeamt von Schondorf hatte mir anonymisiert die Daten zur Verfügung gestellt. Natürlich hatte ich auch Kontakt mit dem Bayerischen Amt für Statistik in München. Die haben da alle möglichen Zahlen.. Dann habe ich mich in die Geschichte des Ortes eingelesen. Es gab, soweit ich das verstanden habe, fünf Zuwanderungswellen: Erstens: Die Eisenbahn, die Augsburger Sommerfrischler nach Unterschondorf gebracht hat. Vorher waren die reichen Bauern in Oberschondorf, unten waren die armen Fischer, Dann hatte sich das Verhältnis umgedreht. Aus den armen Unterschondorfer wurden durch den Tourismus die reichen Unterschondorfer. Zweitens: Kamen nach dem Krieg Flüchtlinge aus dem Osten, zum Beispiel aus Schlesien. Der Ort hatte sich gleichsam verdoppelt. Ich habe auch einige kennengelernt. Drittens: In den 60er und 70er Jahren sind Familien mit Kindern hierhergezogen. Die haben sich oft am sozialen Leben in Schondorf eingebracht. Häufig waren es Münchner, die auf's Land gezogen wollten. Viertens: Gab es eine weitere Zuwanderungswelle mit der Fertigstellung der Autobahn. Jetzt konnte ein BMW-Ingenieur in München arbeiten und am Ammersee leben. Schließlich fünftens: Der allerletzte Schub mit den ganz Reichen. Die sind oft das ganze Jahr nicht da und nicht unbedingt integrationswillig. Ich bin sowohl statistisch, wie auch historisch ganz tief in diesen Ort eingetaucht. Die Porträts sind eine soziologische Studie. Die Ausstellung erklärt sich von selbst. 


aloys.news: Sie haben also genau beobachtet, wie sich das alles verändert hat?

Yorck Dertinger: Ich war selbst überrascht von den Zahlen die herauskamen. Zum Beispiel: Wie homogen die Zuwanderungsgruppen sind. Die verdienen zwischen 4.500 und 10.000 Euro. Das Durchschnittsnettoeinkommen liegt, wie ich gehört habe, bei 6.500 Euro.. Auf den ersten Blick meint man hier eine Künstlerkolonie wahrzunehmen, aber beim zweiten und dritten Blick sieht das alles ganz anders aus. In Herrsching ist das anders. Dort gibt es nicht diese großen Gruppen wie hier. Aber das ist ein subjektiver Blick. In Schondorf gibt es zwar homogene Gruppen, die aber nicht exklusiv sind, in die man also nicht rein kommt. Die sind durchaus bereit Leute einzubinden, die objektiv nicht so viel Geld verdienen wie sie selbst.

 

aloys.news: Gab es vergleichbare Projekt?

Yorck Dertinger: Ich habe bewußt nicht nachgeschaut. Erst als alle Porträt ausgestellt waren, hatte ich im Netz recherchiert. Allerdings nichts gefunden, was auch nur annähernd so war wie mein Projekt.  


aloys.news: Wie hast Du das technisch realisiert?

Yorck Dertinger: Ich hatte feste Öffnungszeiten im Atelier, aber keine Termine vergeben. Das Projekt lief über drei Monate. Die Schondorfer konnten zu den Öffnungszeiten kommen, wann sie wollten. Ich sass oft vor dem Atelier und hatte Passanten, die sich nicht freiwillig gemeldet hatten, einfach auf mein Projekt angesprochen. Mein Credo war: "Maximale Einfachheit". Der Ausschnitt des Kopfes auf dem Bild ist eigentlich immer gleich. Alle Gesichter sind aus der Hand fotografiert, ohne künstliches Licht. Mit Blende 2.2 und einem Zeiss-85-Millimeter-Objektiv. Ich stand mit dem Rücken zum Fenster, rechts und links hatte ich schwarze Stoffbahnen aufgebaut, damit die zu fotografierenden sich wie in einer Blase fühlten und durch nichts abgelenkt waren. Ich wollte, dass sie mich kaum wahrnehmen. Ich hatte den Fotografierten immer gesagt: Stellt Euch vor, Ihr werdet von einem Maler in Öl gemalt. Bei denen, die es nicht geschafft haben, sich über den Blick zu öffnen, hatte ich gesagt: Denk an was Schönes. Mir war es wichtig, jedem Porträtierten die Würde zu lassen. Zum Dank für ihre Bereitschaft bekamen sie eine digitale Version ihres Bildes. 


aloys.news: Woher wussten Sie, zu welcher statischen Gruppe die Porträtierten gehörten?

Yorck Dertinger:  Ich habe Alle nach ihrem Beruf gefragt und wie lange sie hier wohnen. Sie sind ohne Namen ausgestellt, da es mir um das Dorf als „Zwangsgemeinschaft" geht und damit die Einzelnen in der Masse gleich wichtig sein sollen.


aloys.news: Wie ging's dann weiter?

Yorck Dertinger: Drei Monate hatte ich nur Fotos gemacht. Dann brauchte ich vier Monate, um sie zu bearbeiten. Das heißt: Abhalten und Nachbelichten. Ich änderte nur Belichtung und Kontrast. Bei den Männern habe ich oft die Nasenhaare rausgenommen und bei Jugendlichen die Pickel. Niemand wurde von mir schlanker gemacht. 


aloys.news: Die Ausstellung im Studio Rose geht heute zu Ende?

Yorck Dertinger: Ja. Aber es sind weitere Termine in anderen Städten geplant. Auch eine italienische Kommune hat angefragt. Interessanterweise nehmen die Dorfbewohner die Porträtierten anders wahr als die Nicht-Einheimischen. Die Schondorfer schauen und sagen: "Schau mal das ist doch der sowieso oder die sowieso". Leute von auswärts haben einen anderen Blick dafür. Eher den soziologischen, weil sie den individuellen Bezug nicht haben. 


aloys.news: Herr Dertinger, vielen Dank für das Gespräch. 

Yorck Dertinger im Selbstporträt. Foto: Yorck Dertinger
Yorck Dertinger bei der Ausstellungseröffnung. Foto: Dertinger
Ausstellungseröffnung. Foto: Dertinger
Schondorfs Bürgermeister Alexander Herrmann bei der Eröffnung. Rechts daneben Yorck Dertinger. Foto: Dertinger
Ausstellungsbesucher. Foto: Dertinger
Blick in den Ausstellungsraum. Foto: Dertinger
Foto: Dertinger
Foto: Dertinger
Foto: Dertinger

Ort (Karte)

0
×
Stay Informed

When you subscribe to the blog, we will send you an e-mail when there are new updates on the site so you wouldn't miss them.

Was heute geschah: 3. Oktober 1990. Tag der Deutsc...
Happening der Dießener Hunde. Frische Lüftlmalerei...

Ähnliche Beiträge

 

Kommentare

Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!
Bereits registriert? Hier einloggen
Gäste
Sonntag, 22. Mai 2022

By accepting you will be accessing a service provided by a third-party external to https://aloys.news/

Unterstütze unabhängigen Journalismus

Anzeige
Anzeigen
Gärtnerei Niedermeier
Werben bei aloys.news

Beliebteste Artikel

22. Mai 2022
Aktuelles
Aktuelles
Ammersee West – Der Frühling ist noch nicht vorbei, aber es gibt teilweise schon sommerliche Temperaturen. Daher informieren wir Sie wieder auf aloys.news wie warm oder auch wie kalt aktuell die ...
7746 Aufrufe
09. April 2021
Aktuelles
Landkreis Landsberg am Lech – Antigen-Schnelltests haben ihren Namen daher, weil das Ergebnis schnell vorliegt. Sie können nur durch geschultes Personal durchgeführt werden – dafür wird ähnlich w...
7096 Aufrufe
15. August 2021
Meinung
In eigener Sache – Es wird keinen Lockdown mehr geben, versprechen uns die Politiker. Statt dessen kommt 3G. Gekauft, gekühlt, getrunken? Schön wär's. Geimpft, genesen, getestet. Ich als Eure Gastgebe...
6440 Aufrufe
15. Oktober 2020
Kultur
Landsberg am Lech –  Seit mehr als 40 Jahren ist Johannes Skudlik Kantor an der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Landsberg. Seit 1984 gibt es den „Landsberger Orgelsommer". Die Kon...
5417 Aufrufe
23. Juni 2021
Aktuelles
Starnberg/Herrsching – Folgende Pressemitteilung bekam aloys.news gestern von der Gemeinde Herrsching: Liebe Bürger*innen, derzeit häufen sich wieder die Hinweise auf Zerkarienbefall bei Badenden. Vor...
4832 Aufrufe