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Putin am Ende. Von Hans Dieter Sauer

Pähl/Kiew – Als Wladimir Putin am 24. Februar seine Truppen in die Ukraine einmarschieren ließ, nahm alle Welt an, sie würden in wenigen Tagen Kiew erobern und dort eine Marionettenregierung installieren. Was wäre uns anderes geblieben, als die Aggression zu verurteilen, Sanktionen zu verhängen, aber es hätte nichts an der Lage geändert.

Doch dank der Gegenwehr der ukrainischen Streitkräfte kam es ganz anders. Am 24. Tag des Krieges erklärte Generalmajor Pawljuk, der Kommandeur im Gebiet Kiew, man werde den russischen Angriffen weiterhin standhalten könne. Der Krieg ist furchtbar für ukrainische Bevölkerung und löste die größte Fluchtwelle seit dem Zweiten Weltkrieg aus. Umso mehr muss die Ukraine in ihrem Widerstand unterstützt werden.

Und die Lage ist keineswegs ausssichtslos. Im Gegenteil, es mehren sich die Stimmen, die Putin auf der Verliererstraße sehen. Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama von der Stanford University, der zur Zeit in Skopje in Nordmazedonien einen Kurs für politische Führungskräfte abhält, wagte am 16. März in der Neuen Zürcher Zeitung die Prognose, dass Russland auf eine klare Niederlage zusteuere.

Putin ist ein Opfer seiner eigenen Fehleinschätzungen geworden. Zwischen November 2013 und Februar 2014 kam es in der Ukraine gegen Präsident Wiktor Janukowytsch und dessen Regierung zu Massenprotesten. Auslöser war die Entscheidung der Regierung, ein mit der EU ausgehandeltes Assozierungsabkommen nicht zu unterzeichnen. Janukowytsch flüchtete vor den Demonstranten schließlich nach Russland. In ihrem Sieg sah Putin eine „eine bewaffnete Machtergreifung". In seiner Denkweise ist es ausgeschlossen, dass die Westorientierung der Ukraine von der Bevölkerung ausging, es konnte nur ein von außen gesteuertes Komplott sein. „Dieser Staatsstreich wurde natürlich von jemandem unterstützt", sagte er 2015 in einem langen Interview mit dem amerikanischen Filmregisseur Oliver Stone. „Jemand" sind für Putin die USA und die EU. Deshalb nahm er auch an, die Regierung Selenski halte sich nur mit Hilfe von außen an der Macht und habe keinen Rückhalt in der Bevölkerung.

Das Gegenteil ist der Fall. Putins Krieg hat Bevölkerung, Regierung und Streitkräfte zusammengeschweißt. Die Menschen versorgen die Soldaten mit Essen, Privatpersonen spähen mit Drohnen russische Positionen aus und melden es der Armeeführung. Nach einem Bericht des englischen Wochenmagazins Economist sind überall im Land aus Werkstätten Waffenschmieden geworden. Ein Produkt sind sogenannte Krähenfüße,ein Gebilde aus vier scharfkantigen Metallstiften, das einen darüber rollenden Autoreifen aufschlitzt, oder es werden aus alten Eisenbahnschienen Panzersperren zusammengeschweißt. Eine Braurerei in Lviv/Lemberg braut kein Bier mehr, sondern füllt Molotov Cocktails in die Flaschen. Sie kämen zum Einsatz, sollten russische Panzer in die Städte eindringen. Von oben von einem Haus aus auf einen Panzer geworfen, überzieht ein solcher Brandsatz das Gefährt mit einem Flammenteppich und zwingt die Besatzung zum Aussteigen.

Noch wird Putin dank der staatlichen Propaganda von großen Teilen der Bevölkerung als starker Mann wahrgenommen. Aber lange kann er das Debakel seines Angriffskrieges vor seinem Volk nicht mehr verbergen. Nach einem Bericht der Berliner taz, deren Korrespondenten offenbar Zugang zu social media Netzwerken in Belarus haben, sind die Krankenhäuser in belarussischen Grenzstädten randvoll mit verletzten und toten russischen Soldaten. Wie sehr Putin sich in die Enge getrieben fühlt, offenbarte eine Fernsehansprache vor einigen Tagen, in der er Kritiker seiner Politik als „Abschaum und Verräter" bezeichnet. So redet jemand, dessen Machtbasis bröckelt.

Trotzdem meinen Bundeskanzler Scholz und auch der französische Präsident Macron noch immer, man müsse Putin in Telefongesprächen gut zureden. Nach dem eindringlichen Appell des ukrainischen Präsidenten Selenski in seiner Video Ansprache vor dem Deutschen Bundestag, der Ukraine mehr Unterstützung zu gewähren, twitterte Scholz: „Wir fühlen uns verpflichtet, alles zu tun, damit die Diplomatie eine Chance hat und der Krieg beendet wird".

Fukuyama hält dagegen, dass erst nach dem Kollaps der russischen Armee Diplomatie wieder eine Rolle spielen könne. So sieht es auch Joachim Krause, Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel. Seiner Einschätzung nach wäre den Ukrainern am wirksamsten geholfen, wenn auf Ersuchen der legitimen Regierung westliche Truppen im Westen der Ukraine eine Sicherheitszone bildeten.

Aber würde das nicht einen Krieg zwischen Nato und Russland heraufbeschwören? Diese Gefahr sieht Krause nicht. Auf eine militärische Auseinandersetzung mit dem Westen sei Russland derzeit nicht vorbereitet. Es würde nicht wagen, Nato Truppen anzugreifen.

Krause beklagt eine westliche „Selbstabschreckung". Sie verhindere, dass man Putin in die Knie zwinge. Nach Ansicht von Fukuyama würde Putin eine Niederlage seiner Armee nicht überleben. Mit einer neuen russischen Führung ließe sich dann über alles verhandeln. 

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