Das war die Zeit, in der mir meine geliebte Mutter die Damenwelt madig machte. 
Es waren die wenigen schönen Tage, die ich damals mit Elsje verbrachte. Foto: Ernesto R. Hofmann

Folge 71

Von Anfang meiner Kindheit an war ich ein Ehrenmann. Meine Mutter hätte das nach 30 Jahren wissen müssen. Nein ist nein und ja ist ja. War und ist nie anders gewesen. Kurzes
Kommentar von Elsje, als ich ihr Bericht erstattete: „Schön blöd!", womit sie mich meinte.

Es wirkte sich auf unser weiteres Leben aus. Eines der schlimmsten Vergehen ist verspieltes Vertrauen bei dem, der es innehat(te). Ein Auto lässt sich reparieren, verspieltes Vertrauen nicht.

Um es wieder gutzumachen, hatte Mama eine neue Kandidatin für mich auserkoren: Ein pummeliges Wesen aus meinem Geburtsland Java, die zwar innerhalb von 3 Tagen eine wunderbare indonesische Reistafel auf den Tisch zaubern konnte, aber sonst noch keine erkennbare Meriten aufwies. Sie hatte ein Gesichtchen wie eine Weihnachtskugel und Mama hatte sie während eines Kirchganges in unserer damaligen Behelfskirche für mich in einer anderen Bank erspäht. Der Funke blieb zu ihrem Leidwesen aus.

Dann kam der Moment, in dem sich mein ganzes Leben ändern sollte: Krankenschwester „deutscher Abstammung", wie sie sagte. Natürlich beriet ich mich mit Elsje, die mir sofort riet, diese Chance nicht zu verpassen, denn „so schnell kommt deine Mutter nicht wieder ins Krankenhaus". Mit Elsje verband mich bis zu ihrem Tod eine innige Freundschaft. Ich habe ihr so viel Liebe, Wärme und Erfahrung zu verdanken.


Wenn meine Mutter gewusst hätte, was sie sich mit ihrem Tipp eingebrockt hatte, hätte sie alles in die Wege geleitet, eine nähere Bekanntschaft zur Wera, die bewusste Krankenschwester und meine spätere erste Frau (sie starb 2000), zu blockieren. Sie versuchte es trotzdem. Das ging so:

Während der ersten drei Wochen des Daheimseins nach der Kündigung bereitete sie mir generell noch den vermeintlichen Himmel auf Erden. Die Stimmung kippte danach jeweils schlagartig und von einem Tag auf den anderen konnte sie nicht mehr normal mit mir reden. Das war schon immer so. Sie schnauzte und schimpfte nur noch herum. Das war ja auch der Grund, weswegen sie mich als Kind in den großen Ferien jedes Mal in irgendein Kinderheim abschob. Ich erinnere mich aus dem Stegreif da an Wildbad Kreuth, Olching, Wörishofen, unbekannt und Ingerlhof am Tegernsee. Es werden noch einige mehr gewesen sein. Sie konnte mit mir daheim nie etwas anfangen.

Ich hatte in ihrer Wohnung Laan van Meerdervoort 1652 in Den Haag ein kleines Zimmer, in dem ich unter fortwährender Kontrolle stand. Kam ich abends um halb elf vom Briefmarkenklub im Ministerium nach Hause, fauchte sie mich an: Wo kommst du so spät her?! Wenn ich abends in meinem Zimmerchen noch ein bisschen meine Ruhe haben und noch ein bisschen lesen wollte, dann tönte es aus ihrem Schlafzimmer: Mach endlich das Licht aus! Mädchenfreundschaften machte sie mir regelmäßig kaputt und sogar meine kleine Sammlung Pin-up Fotos, die ich wie jeder normale junge Mann damals angelegt hatte, war eines Tages verschwunden, bestehend aus meinen damaligen Lieblingen wie Janet Leigh, Debra Paget (mit der ich später noch längere Zeit korrespondierte), Yvonne de Carlo, Rita Hayworth und Paulette Goddard. Also, unschuldiger geht's nun wirklich nicht. Auch sonstige mir kostbare, unwiederbringliche papierene Erinnerungsstücke waren weg, was bedeutete, dass sie sogar in meinen Sachen wühlte und mein Privateigentum vor ihr nicht sicher war. Auch auf dem Klo unterlag ich ihrer strengen Aufsicht. Dann riss sie die Tür auf um zu sehen, was ich da wohl trieb. Ich hatte immer etwas zu lesen dabei, um die Zeit nützlich zu verbringen und blieb dann in der Lektüre versunken. Mir ging das Gehabe langsam auf den Geist und es kam die Zeit, dass Elsje mir riet, mich schleunigst auf eigene Füße zu stellen und Hotel Mama zu verlassen. Der Moment sollte schneller als gedacht kommen.

Fortsetzung folgt