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Aus dem Leben eines Betriebsrats. Andreas Tchorsch ist seit 2002 Vertreter der Mitarbeiter bei Osram und heute beim Nachfolgeunternehmen Ledvance

Andreas Tchorsch lebt in Dießen. Foto: Alois Kramer

Dießen – Andreas Tchorsch hat von 1993 bis 1998 an der Ludwig-Maximilians-Universität München Betriebswirtschaftslehre und Politologie studiert. Geboren wurde der Dießener in München, aufgewachsen ist er in Poing. Das Abitur machte er am Gymnasium in Markt Schwaben. Der 49-Jährige ist verheiratet.

aloys.news: Sie haben fast 20 Jahre Erfahrung als Betriebsrat zuerst bei OSRAM, dann beim Nachfolgeunternehmen LEDVANCE. Kann man das, was Sie alles in dieser Funktion erlebt haben in wenigen Sätzen zusammenfassen?

Andreas Tchorsch: Mein Ziel war es immer, Mitarbeiter und Führungskräfte zusammenzubringen, das war sozusagen der rote Faden meiner Tätigkeit. Ich habe mir oft überlegt, woher das kommt. Das hat mit meiner Herkunft aus einer kleinen Schreinerei zu tun. Eine Anekdote mit meinem Vater hat mich geprägt. Mein Vater hatte immer geregelte Arbeitszeiten, eines Tages kam er später als üblich nach Hause mit der Begründung, er habe sich mit einem Mitarbeiter getroffen, der private Probleme hatte. Deshalb sei er mit ihm ein Bier trinken gegangen. Es ging ihm darum, dass er einen zufriedenen Angestellten hatte, weil der wusste, dass sein Chef sich um ihn kümmert.

aloys.news: Wirkt sich diese Haltung in Betrieben aus?

Andreas Tchorsch: Ich denke schon und mein Erfahrung gibt mir recht. Ich habe beobachtet, dass in Unternehmen in denen das Klima zwischen Arbeitnehmern und Führungskräften stimmt, die Produktivität und die Umsätze stimmen. Darüberhinaus bin ich vernetzt mit Betriebsräten anderer Firmen, die mir diese Beobachtung bestätigen. OSRAM war ein großer Konzern, da habe ich gemerkt, dass es dieses Vertrauensverhältnis, das ich von meinem Vater kannte, bei OSRAM nicht immer gab. Ich hab dann den Betriebsrat kennengelernt, der damals schon ein gutes Sprachrohr für die Interessen der Mitarbeiter war. Teilweise ging das auch anonymisiert. Im Jahr 2000 bin ich bei OSRAM eingestellt worden und habe mich zwei Jahre später zum Betriebsrat aufstellen lassen. Mit Erfolg. Durch verschiedene Konzernveränderungen ab 2006 wurde eine zusätzliche Stelle als freigestellter Betriebsrat eingerichtet. Nachdem ich mich wohl gut angestellt habe, wurde ich 2006 als Vollzeit-Betriebsrat gewählt.

aloys.news: Was macht eigentlich ein Betriebsrat?

Andreas Tchorsch: Ein Großteil der Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen geht um rechtliche Fragen, zum Beispiel Elternzeitregelungen, Eingruppierungsregelungen zum Gehalt. Aber auch solche Fragen, wie schreibe ich ein Aufgabenprofil, welche Urlaubsansprüche habe ich, welche Ansprüche habe ich bezüglich Homeoffice? Ein wichtiger Teil meiner Tätigkeit betrifft Moderationsgespräche zwischen Mitarbeitern.

aloys.news: Also müssen Sie gut zuhören können?

Andreas Tchorsch: Genau. Das ist eine meiner großen Stärken. Die vermittelnde Tätigkeit liegt mir sehr. Liegt vielleicht in meinem ausgleichenden Wesen. Man muss als Betriebsrat sehr empathisch sein. Was mir immer wichtig war: Jeder sollte nach einer Verhandlung sein Gesicht wahren können.

aloys.news: Aber es gibt natürlich auch unangenehme Situationen?

Andreas Tchorsch: Sie sagen es. Das war in erster Linie dann, wenn es zu Umstrukturierungen des Unternehmens kam. Das führte häufig zu Einschnitten bei Arbeitsplätzen. Da ging es vor allem darum, das alles sozialverträglich abzuwickeln. Man muss auch eine realistische Sicht der Dinge haben, Idealismus ist gut, darf aber nicht in Dogmatismus ausarten. Das heißt: Ein Betriebsrat hat einen Rechtsanspruch darauf, sich die Entscheidungen eines Unternehmens genau erklären zu lassen. Bei diesen Gesprächen kamen durch die externe Sicht oft gute Ideen heraus, auf die der Unternehmer nicht schon gekommen ist. Zum Beispiel: Die Firma OSRAMhatte ein Bürogebäude in Giesing und ist dann in die Parkstadt Schwabing umgezogen. Kaum ein Mitarbeiter wollte diesen Umzug. Das wussten wir durch anonymisierte Umfragen. Da kamen Wünsche der Mitarbeiter ans Licht. Nach dem Umzug stand ich mit einem Kollegen am Fenster. Er blickte hinaus und meinte: "Herr Tchorsch, ich habe noch nie so einen schönen Arbeitsplatz gehabt". So können sich die Perspektiven ändern.

aloys.news: Sie arbeiten gerne mit Menschen zusammen?

Andreas Tchorsch: Das macht mir sehr viel Freude. Wenn ich die Anliegen der Kolleginnen und Kollegen durchbringen konnte, dann freut mich der Erfolg. 2006 sollte eine Abteilung nach Osteuropa verlagert werden. Zwei Mitarbeiter haben das Unternehmen mit Abfindung verlassen, vier wurden innerhalb des Unternehmens versetzt, alle waren inklusive der Führungskräfte zufrieden und sind mir immer mit Freude begegnet. Da gab's keine Ressentiments.

aloys.news: Hatten Sie auch mal "Bauchweh" bei einer Entscheidung?

Andreas Tchorsch: Da gibt es zwei Situationen. Zum einen vom Persönlichen her, zum anderen vom fachlichen Umfeld her. Das eine war im Jahr 2014 als die Anzahl der Freistellungen reduziert wurde, habe ich meine Position als freigestellter Betriebsrat verlassen. Ich hatte immerhin die zweitmeisten Stimmen bei 1.500 Wahlberechtigten. Aber ich musste die Arbeit im Leben wieder kennenlernen. Ich war dann nur zu 50 Prozent Betriebsrat. Der zweite Punkt betraf Corona. Die IG-Metall hatte einen Tarifvertrag ausgearbeitet, der es den Unternehmen ermöglichte das Gehalt zu kürzen. Diese Entscheidung mitzutragen, war für mich sehr belastend. Da mussten wir als Betriebsrat den Kolleginnen und Kollegen verdeutlichen, dass es für das Unternehmen gut ist. Aber so was macht natürlich kein Betriebsrat gerne.

aloys.news: Wann steht die nächste Wahl an?

Andreas Tchorsch: Wir haben nächstes Jahr wieder Betriebsratswahlen. Ich bin gespannt, welche Kulturveränderung sich bei den Menschen ergeben hat. Zum Beispiel: Was ist ihnen wichtig? Früher ging es um Sicherheit und Geld verdienen. Gerade jetzt schauen die Menschen darauf eine gute Lebensqualität zu haben. Das ist eine Folge von Corona. Da haben sich die Bezugspunkte verändert.

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