Dießen – Benedikt Gleissl ist diplomierter Betriebswirt. Aber die Liebe zu den Bäumen war einfach stärker als dieser studierte Beruf. Daher hat er vor mehreren Jahren ein so genanntes Baumschnittunternehmen gegründet. Bei der Sanierung der Seeanlagen in Dießen hat er die südliche der beiden Weiden mit seinem Team gefällt. Der 36-Jährige Dießener wurde in Starnberg geboren und ist am Ammersee aufgewachsen. Seine Hobbys sind ganz einfach: Bäume schneiden, Küchen und Tische bauen und Konzepte für zwischenmenschliches Zusammenleben entwerfen. Seine Diplomarbeit ging über "Die schnellstmögliche Inklusion von Asylbewerbern in die deutsche Gesellschaft anhand des Beispiels ,Grand Hotel Cosmopolis' in Augsburg". Diese einzigartige Institution hat er mitentwickelt und er gehörte zu einem der sieben Vorstände im Verein. Das Gespräch findet in seiner Wohnung über dem Schmuckwerk statt. Das Haus liegt direkt neben der Polizeistation und ist nicht zu übersehen. – Am Dienstag wurde in den Dießener Seeanlagen die zweite der beiden markanten Weiden gefällt. Mit fünf Gegenstimmen (Lutzeier, Hofmann, Anton, Kramer, Übler) hatte sich der Marktgemeinderat Dießen am Montag in einer Sondersitzung dem Planungsbüro gebeugt und den Entschluss zur Entfernung des Baums gefällt. Gegen die Baumfällung gab es zahlreiche Proteste in den sozialen Medien. Die Baufirma hat argumentiert, dass die Umsetzung der Planung ohne erheblich Schäden an den Bäumen nicht möglich ist. Es geht um die fehlende Standfestigkeit und damit um die fehlende Verkehrssicherheit. Ein Behalten des Baumes würde eine Verzögerung der Fertigstellung nach sich ziehen, was wiederum den Termin den Töpfermarkt 2022 in Frage stellen würde. Das nur eines der Argumente.
aloys.news: Wie ist die Situation der Bäume insgesamt?
Benedikt Gleißl: Wir haben in Deutschland fast keine Baumart mehr, die nicht einen extremen Schädling oder Pilz als Gegner hat, oder nicht mit Insekten zu kämpfen hat. Die schwerstwiegende Krankheit ist das Eschentriebsterben. Es wird ausgelöst vom falschen weißen Stengelbächerchen, ein Pilz dessen Fruchtkörper auf dem toten Holz von Eschen gedeiht und dessen Sporen sich auf der Blattoberfläche auflegen und dann in den einjährigen Trieb einwandern. Da setzt sich der Pilz fest und dort greift der Pilz den von oben kommenden Zucker ab, der durch das Chlorophyll und die Fotosynthese produziert wird und die von unten kommenden Nährstoffe nimmt er ebenfalls auf. Das heißt, der Baum verhungert. Ab einem bestimmten Schädigungsgrad des Baumes kommt der Hallimasch ins Spiel, der entweder den Stamm hoch wandert oder komplett die Wurzeln abfrisst. Das können Laien nicht erkennen. Aber es passiert dass die Bäume einfach umfallen. Auf jeden Fall ist es so, dass dieser Pilz aus Asien kommt und die Bäume keine natürlichen Resistenzen gegen diese Schädlinge haben. In unserer Gegend stehen extrem viele Eschen. 95 Prozent aller Eschen werden vom Eschentriebsterben befallen und müssen entnommen werden, das es keine Möglichkeit gibt, den Baum zu erhalten. Er wird immer neu befallen. Das kommt daher, dass im Erbgut eines Baumes diese Pilzkrankheit nicht vorhanden ist. Im Wald von Dietramszell zum Beispiel sind alle Eschen wegen Hallimasch-Befall umgestürzt.
aloys.news: Sie sagen die Bäume fallen plötzlich um, ist denn Baumfällen gefährlich.
Benedikt Gleißl: Deshalb ist es extrem gefährlich, vom Eschentriebsterben befallene Eschen zu fällen. weil wir während der Fällarbeiten nicht wissen, ob ein Baum durch die statische Veränderung der Krone während der Fällarbeiten plötzlich umfällt. Hier ist die Politik gefragt. Die Politiker haben das Ausmaß der Gefahr nicht erfasst. Sie wissen nicht, welche Gefahr von diese Bäumen ausgeht. Es gab noch nie in der Geschichte unseres Landes einen so katastrophalen Zustand der Bäume wie heute.
aloys.news: Wie ist es mit den Weiden in den Seeanlagen?
Benedikt Gleißl: Den ersten Baum hat mein Unternehmen gefällt aufgrund der Nichteinhaltbarkeit der Umsetzung der Planung. Ich habe schon von außen gesehen, als Baumkontrolleur, dass der Baum die Sanierung nicht übersteht. Beim zweiten Baum ist es genauso. Ich kann die Wurzeln nicht einfach kappen um besseren Zugang zum Ufer zu bekommen. Dann kann ich ihn gleich umschneiden. Es war allerdings so ausgemacht, so habe ich es mitbekommen, dass die Spundwände fünf Metern von der Ufermauer aufgestellt werden und die Bagger von der Seeseite die Seeanlagen erreichen können. Ich bin zum zweiten Baum nicht gefragt worden. Ich konnte den auch nicht kontrollieren.
aloys.news: Wie wären Sie vorgegangen?
Benedikt Gleißl: Es gibt Richtlinien, welche eingehalten werden müssen, wenn man eine Baustelle einrichtet. Das ist klar standardisiert, von der FLL, Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e.V. in Bonn beispielsweise. Es ist bei den Maßnahmen in den Seeanlagen sehr schwierig, einen Baum zu halten. Da sollte man in einem Ort wie Dießen eher schauen wie und wo genau sinnvoll neue Bäume wieder gepflanzt werden können. Man hätte den Baum erhalten können durch sehr großen Aufwand. Aber das Planungsbüro hätte von vorneherein mit offenen Karten spielen müssen. Man hätte gleich sagen müssen, eine sinnvolle Umsetzung der Planung ist mit diesen Bäumen nicht möglich. Da wäre dann die Frage gewesen ob sie den Zuschlag bekommen hätten. Die Planer oder das Abstimmungsgremium haben vor der Planung meines Wissens keine Fachexpertise über diese beiden Bäume in den Seeanlagen eingeholt.
aloys.news: Woher haben Sie Ihre Kenntnisse über Bäume?
Benedikt Gleißl: Seit meinem 16. Lebensjahr schneide ich Bäume. Seit sieben Jahren ein Unternehmen für Baumfällung, Baumsanierung, Baumkontrolle, Baumsicherung und Baumpflanzung mit Sitz in Dießen. Ich arbeite von Augsburg bis München und sogar bis ins Elsass. ich habe vorige Woche noch Bäume in Süditalien geschnitten.
aloys.news: Warum Italien?
Benedikt Gleißl: Wir machen seit 30 Jahren dort Urlaub, dort leben Freunde von uns. Ich habe auch schon in Thailland Bäume geschnitten. Mit Beginn der Pandemie habe ich sofort über Videokonferenz auf Mallorca Bäume schneiden lassen. Das heißt ich habe die Anweisungen dem Mann vor Ort gegeben. Aber freilich das Ammerseegebiet ist mein Arbeitsschwerpunkt.
aloys.news: Gibt es außer den Eschen noch Problembäume?
Benedikt Gleißl: Zum Beispiel Kiefern. Die Kiefern haben eine ähnliche Pilzkrankheit wie die Eschen. Es fängt damit an, dass einzelne Astspitzen braun werden. Nach wenigen Jahren stirbt dann der Baum ab. Im Moment verlieren wir wirklich markante große Bäume. Wir werden dann häufig als Baumfäller beschimpft, weil wir das Gesicht einer Straße durch solche Aktion verändern, aber wir sind verantwortlich für die Sicherheit des Menschen. Sterbenskranke Bäume müssen entnommen werden. Früher gab's keine großen Bäume bei den Häusern sondern Gemüsebeete. Wir brauchen umzäunte Gebiete, wo die Bäume komplett in Ruhe gelassen werden. Ich habe Kunden in Augsburg die haben 30 Bäume im Garten, da würde ein Förster die Hälfte rausschneiden. Wir müssen näher an das Lebewesen Baum ran. Fast alle Bäume sind Heilpflanzen, zum Beispiel die Birke. Die Blätter kann man zu Tee machen, die Rinde kann man sogar für Pechherstellung gewinnen, den Birkenpilz kann man essen, der Birkenporling hilft gegen Darmbeschwerden, Magenbeschwerden, Magengeschwüre, Magenkrebs. Ötzi hatte den um den Hals, weil er Darmparasiten hatte. Man kann sogar die Birke anbohren und das Birkenwasser trinken, es ist einfach stärkend. Unser Aspirin stammt eigentlich von der Weidenrinde.
aloys.news: Baumpflege ist kompliziert.
Benedikt Gleißl: Das Resultat eines falschen Schnittes erkennen Laien oft erst nach 20 Jahren, aber den Schaden angerichtet hat, weiß nach zwei Jahrzehnten kaum jemand mehr. Verkehrsgefährdende Bäume müssen kontinuierlich entnommen und durch Neupflanzungen ersetzt werden. Es könnte jederzeit jemand sterben durch Bäume, die umfallen.
aloys.news: Herr Gleißl, vielen Dank für das Gespräch.
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