"Die große Abrechnung": Letzter Teil des Interviews mit der berühmten us-amerikanischen Soziologin Eileen Crist. Aus dem Amerikanischen übersetzt für aloys.news von Dr. Peter Erlenwein aus Dießen.

Eileen Crist Foto: Solitaire Goldfield

Dießen/Virginia – Eileen Crist ist promovierte amerikanische Soziologin, die seit 22 Jahren im Department für Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft an der Hochschule für Technologie in Virginia/USA lehrt. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf ökologischen Themen wie Artenvielfalt, Überbevölkerung, Wildnisschutz und Umweltethik. Ihr erstes Buch trug den Titel: Unsere Vorstellungen vom Tier. Anthropmorphismus und Geist der Tierwelt. Ihr neuestes Buch: Reichtum der Erde. Auf dem Weg zu einer ökologischen Zivilisation, wurde im Jahr 2019 veröffentlicht. Im vergangenen Dezember gab sie dem Journalisten Leath Tonino von der Zeitschrift ‚The Sun' ein Interview, das unter der Überschrift: Die große Abrechnung erschien. Teil 2 lesen Sie unter 

https://aloys.news/de/blog/kultur/die-grosse-abrechnung-teil-2-ein-interview-mit-der-beruehmten-us-amerikanischen-soziologin-eileen-crist-aus-dem-amerikanischen-uebersetzt-fuer-aloys-news-von-dr-peter-erlenwein-aus-diessen

T: Im Zusammenhang mit dem Aufwachen aus der Trance des Überlegenheitsdünkels der Gattung homo sapiens zu einem tiefen-ökologischen Bewusstsein des Eingebettetseins in ökokosmische Zusammenhänge: was müßten gerade die jungen Menschen dazu lernen?

C: Ein Allererstes scheint mir das Wegkommen von einem ununterbrochenen Ausgesetztseins vor all den Screens digitaler Medien. Ein Leben vor Bildschirmen schafft enorme psychische Probleme: Wahrnehmungsstörungen, vermehrte Aufmerksamkeitsminderungen, Vereinsamung, soziale Phobien, ADHS und Depressionen. Wie schon der berühmte amerikanische Naturgänger H.D. Thoreau vor mehr als 100 Jahren sagte-‚ wir werden zu Werkzeugen von Werkzeugen einer technischen Ideologie, die uns von uns selbst entfremdet. Ein Zweites: Es ist extrem wichtig, sich mit der Geschichte der Umwelt und ihrer menschengemachten Veränderung auseinanderzusetzen, um zu erkennen, dass eine von riesigem Artenschwund betroffene Welt, zum Nutzen einer einzigen Gattung, in keiner Weise das gängige Modell der Evolution ist. Die jungen Menschen müssen den Grad der Verwüstung erschauen, sprich fühlen, den unsere globalkapitalistische Zivilisation über das lebendige Ökosystem Erde ausgebreitet hat: „How dare you!!", um in Greta Thunbergs Worten zu sprechen. (P.E.)

Den Status quo zu erschüttern hilft, genauer befreit uns für den Blick auf eine ganz andere Zukunft. Und noch ein Weiteres: Kinder haben einen natürlichen Sinn für das Wunder einer lebendigen natürlichen Umwelt. Dieser Sinn für Staunen und Wunder, für Schönheit muß stetig kultiviert werden durch eine entsprechende Bildung und einen andauernden Kontakt zur Mitwelt. In einer ökologischen Zivilisation, die also nicht mehr auf Konkurrenz, Erfolgsmaximierung und reinem Materialismus setzt, gilt es, die Talente und Neigungen von Kindern und Jugendlichen im Rahmen einer solchen tiefen-ökologischen Anschauungsweise von Empathie und entsprechender Praxis zu fördern.

T: Also das Gegenteil unseres jetzigen Dominanzverhaltens.

C: Ja; solange du vor allem beherrschen willst, gewinnst du niemals wirklich. Im Gegenteil, du verlierst- den Respekt der Anderen, ihre Zuneigung, letztlich den Respekt vor dir selber und damit dein inneres geistiges Leben. Wir müssen verstehen lernen, dass wir nicht ein massivstes Artensterben in Gang setzten können und gleichzeitig als Gewinner daraus hervorgehen. Solche Vernichtungen wird den Planeten als solchen nicht umbringen, aber es wird die Menschheit materiell wie seelisch unglaublich verarmen lassen.

Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Nachfahren ein solches schreckliches Erbe übernehmen müssen; stattdessen sollten wir die Vision einer sich dem Planeten Erde in Verantwortung und Liebe zugehörig fühlenden Menschheit zuinnerst aufnehmen und verbreiten. Klischees vom Eroberer und ‚Master of the Universe' bedienen dagegen Identitätsschablonen, die wir endgültig ablegen müssen. Den Planeten dominieren zu können, ist letztlich eine schale Illusion, die spätestens dann offenkundig wird, wenn die ‚tipping points' in dieser alles überschattenden Krise überschritten sind. Schon jetzt zeitigt der Klimawandel eine immer dichtere Abfolge von Naturschrecknissen- Überflutungen, riesige Dürren, Plastikverseuchung und dahinsiechende Ökotope, in denen Biodiversität kaum noch vorhanden ist.

Gleichzeitig entmenschlicht solche Zerstörung uns selber, indem wir egozentrischer, mitleidloser, hinterhältiger gegenüber uns selber werden. Menschlichkeit stirbt.

T:Niemand würde sich Widerstandskämpfern in den Weg stellen, die sich gegen ihre Unterdrücker zur Wehr setzen; macht man es jedoch in Bezug auf unsere Umwelt, gilt man schnell als Ökoterrorist?!

C: Widerstand gegen die Unterdrückung von Menschen ist inzwischen weithin anerkannt. Was hingegen noch nicht anerkannt ist, ist der legitime Widerstand gegen die Unterdrückung/Ausbeutung nicht-menschlicher Lebewesen, bzw. der Natur. Sie auszubeuten gilt immer noch als mehr oder minder legitim (fürs eigene Überleben z.B.) und wird daher nicht als die letzte Form von Kolonialismus erkannt. In dieser Hinsicht stimme ich dem Umweltaktivisten Wendell Berry zu, der diesen Ökokolonialismus so definierte: ‚einen Ort zerstören, um an einem anderen extravagant auftreten und herrschen zu können'- also Sojabohnen im dafür gerodeten Amazonasgebiet anzupflanzen, um damit Schweine in China zu füttern; Meere abzufischen, um billigen Fisch dann woanders zu verkaufen; als Neuestes: Tiefseehabitate auszuschreiben für den Abbau von Lithium für digitale Technologien im Westen, die entsprechende Batterien brauchen. Eine endlose Liste von Naturkolonialismus, auf dem unsere postmoderne Zivilisation aufgebaut ist. Bewusstseinsveränderung heißt, solche Plünderungen wahrzunehmen, sie als solche zu benennen und zu beenden. Dann erst haben wir die Chance, eine nicht vergewaltigende Naturbeziehung aufzubauen.

T: Was braucht es dafür?

C:Die menschliche Zivilisation, vorab all die Siedlungen, Dörfer, Städte, Megacities und die landwirtschaftliche Nahrungsproduktionsflächen sollten viel weniger Raum einnehmen als bislang. Dafür müßte auch unser Konsum sehr stark reduziert werden. Das hieße, die Weltbevölkerung zu verringern. Ein zentraler Weg dahin ist die Ermächtigung von Frauen, die Bildung der weiblichen Bevölkerung und eine entsprechende (freiwillige) Familienplanung, die die globale Geburtsrate verringert: ein Kind pro Familie. Dazu gehört unbedingt die Umwandlung unseres Wirtschaftssystems- mit dem Ziel, weniger zu produzieren, vor allem Luxus- und Wegwerfgüter. Alle Produkte sollten recyclebar und kompostierbar sein. Und, sehr wichtig, die Anwesenheit des Menschen in der Natur muß reduziert werden.

Natur wieder freizusetzen ermöglicht es, lebendige Vielfalt und Komplexität neu herzustellen, und damit der Menschheit zu dienen: Hochqualitative Nahrung, saubere Flüsse und Meere, Erhalt von Wäldern, Mooren und Wiesenflächen schaffen eine fruchtbare Wildnis für Tier-und Pflanzenwelten, die dem Menschen heilsam ist. Eine ökologische Zivilisation dient beiden: Natur wie menschlicher Kultur.

T: Bekannte Ökologen wie auch die UN rufen dazu auf, die Hälfte des Planeten für den Erhalt von Biodiversität freizustellen. Was halten Sie davon?

C: Sehr viel! Eine ermutigende Vision im Sinne einer weiträumigen,technisch niederschwelligen durchaus umsetzbaren Szenerie, wenn wir wirklich die Nöte unseres Planeten angehen wollen- den Schutz von großflächigen Habitaten als Voraussetzung für die Regenerierung schwindender Ökosysteme, die nur als Verbundstrukturen Lebewesen wirkliche, sprich notwendige freiheitliche Bewegung gewähren. Zudem ist die Beendigung industrieller Agrarwirtschaft eine große Hilfe im Kampf gegen den viel zu hohenCO2 Ausstoß.

T: Einige Agrarökonomen wie David Pimentel vo der Cornell University sprechen von etwa zwei Milliarden Menschen, die von einer regionalen biodynamischen Landwirtschaft mit entsprechender Tierhaltung gut ernährt werden könnten, auf der Basis pflanzlicher Nahrung. Wir haben heute aber 7.8 Milliarden Menschen auf dieser Erde.

C: Was wir brauchen- volle Gendergerechtigkeit/gleichheit bezüglich der Mädchen, eine gute Ausbildung bis mindestens zum Fachhochschulabschluß. Und eben, wie schon erwähnt, gut funktionierende auf Freiwilligkeit beruhende Familienplanungsdienste. Dann könnte die Weltbevölkerung innerhalb von vier Generationen auf zwei Billionen schrumpfen. Damit zusammen hängt auch die Verabschiedung eines uralten Weltbildes: Die Idee der Besonderheit von homo sapiens ist seit dem Neolithikum im Umlauf, also seit dem Beginn landwirtschaftlicher Tätigkeit, damit Sesshaftigkeit des Menschen, beginnend vor zirka 12.000 Jahren. Diese Vorstellung einer grundsätzlichen Überlegenheit ist seitdem wie bei einem Staffellauf von Generation zu Generation unbewußt wie späterhin bewußt weitergegeben worden, bis in unser heutiges digitales Zeitalter, dem Anthropzän, wie viele es inzwischen nennen.

Schauen wir uns diesen langen Zeitraum an, so zeigt sich, dass es nicht mehr um Einzelnes geht, hier ein Stück Umwelt zu schützen, dort einige Tier- und indigene Restwelten. Um es deutlich zu sagen: Unser Kampf gilt einer radikalen Veränderung des Laufes der Geschichte von homo sapiens. Nämlich mit der jetzigen zu brechen, indem wir den Stab eines unseligen, Jahrtausende alten Staffellaufs endgültig niederlegen. 

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Kommentare 1

Gäste - Britta am Donnerstag, 08. April 2021 03:43

Bitte bei diesem Artikel die Zahl der Menschen auf der Erde korrekt beschreiben: https://aloys.news/de/global/die-grosse-abrechnung-von-eileen-christ-dritter-und-letzter-teil-von-dr-peter-erlenwein-aus-dem-amerikanischem-fuer-aloys-news-uebersetzt
Wir haben nicht 7,8 Billionen SONDERN 7.8 Milliarden Menschen auf der Erde.,
Das ist ein Übersetzungsfehler aus dem Englischen,. da gibt es das Wort Milliarden nicht.
Bei 7.8 Billionen wäre die Welt schon zerstört. Lanng vor Erreichen dieser Zahl.
Dank.

Bitte bei diesem Artikel die Zahl der Menschen auf der Erde korrekt beschreiben: https://aloys.news/de/global/die-grosse-abrechnung-von-eileen-christ-dritter-und-letzter-teil-von-dr-peter-erlenwein-aus-dem-amerikanischem-fuer-aloys-news-uebersetzt Wir haben nicht 7,8 Billionen SONDERN 7.8 Milliarden Menschen auf der Erde., Das ist ein Übersetzungsfehler aus dem Englischen,. da gibt es das Wort Milliarden nicht. Bei 7.8 Billionen wäre die Welt schon zerstört. Lanng vor Erreichen dieser Zahl. Dank.
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