6 Minuten Lesezeit (1197 Worte)

Die Klimakrise lässt sich nicht wegimpfen. Ein Beitrag zur Tiefenökologie für aloys.news vom Dießener Dr. Peter Erlenwein

Hat die Gemeinde inzwischen einen Notfallplan entwickelt, wenn sich, was inzwischen jederzeit möglich ist, eine Flut wie in NRW über den Ort und seine Bewohner ergießen sollte? Collage: Jürgen Rogner

Lassen wir anfangs eine Zahl sprechen: die Landschaftsfläche der Bundesrepublik Deutschland, einem Land mit rund 83 Millionen Einwohnern, ist im letzten Jahr umgut 8% geschrumpft, und verschwindet in rasendem Tempo weiter; denn neben die Großindustrien der Vergangenheit, also Kohle und Stahl und der ultragefährlichen Atomenergie, trifft seit Längerem die vierte Technikwelle auf das Land: Wind und- Solarkraftanlagen. Was heißt- der Energiehunger kapitalistischer Wirtschaft nimmt kein Ende. Was aber schon ganz ersichtlich jeden Tag mehr zur Neige geht, ist schlichtweg die Natur um uns herum- Wald, Wiese, Flusslandschaften, Moore, ganz generell gesagt- Artenvielfalt. Der ökologische Fußabdruck (also der jährliche Verbrauch natürlicher Ressourcen) der BRD liegt inzwischen 4.7gha, der Weltdurchschnitt liegt bei 2.7 gha! Eigentlichdürften es pro Person nur 1.6 gha (soviel wie Nicaragua verbraucht). Deutschland verbraucht mittlerweile so viel wie zwei Erden.

Grün entschwindet und mit ihm Fauna und Flora im Allgemeinen.Von grüner, also lebensspendender Energie zu sprechen, ist in dieser Hinsicht oftmals nur noch zynisch. (Stichwort Greenwashing) Wie pointierte Carl Amery, der katholische Ökologe und weitsichtige literarische Mahner aus Bayern einst: ‚Solange der Staat am Dogma von TINA: ‚There is no Alternative' (Margaret Thatcher) festhält, gibt es keine Chance auf eine geistige Erneuerung!' Diese aber braucht es mehr denn je, um den Teufelskreis einer nun grün angemalten kapitalistischen Fundamentalwirtschaft zu durchbrechen. Der UNO-Generalsekretär hat schon längstens den Klimanotstand ausgerufen.

Bislang zeigen keine der im deutschen Parlament anwesenden Parteien in ihren Programmen, auch die Grünen oder Linken nicht, Ansätze eines visionären ökologischen Realismus, der bereit und fähig wäre, den Blick auf eine Zukunft zu werfen, die von jener transformativen Einsicht geprägt ist, in der wissenschaftliche Erkenntnis und spirituelle Intuition die bio-energetische wie geistige Einheit von Mensch, Kosmos und Erde zu fokussieren vermöchten. in deren Mittelpunkt die Evolution der Demokratie in all ihren Facetten-ökologisch, politisch, wirtschaftlich, sozial und kulturell heute steht.

Kurz vor den Wahlen gilt jedoch weiterhin die fatale Selbstvergewisserung, dassmit einem objekt- und gewinnorientierte Verstand der neue technisch-digitale Modelle entwickelt, alles schon gut werden wird. Wie sich allerdings immer unverhüllter zeigt, ist ein solcher ökonomisch festgezurrter Intellekt aus sich heraus, kein realistischer Maßstab mehr für Lösungen, die heilsam,sprich nachhaltig wären- für Mensch und Mitwelt. Wie sehen diese- kurz skizziert - aus, so weit ein wacher unvoreingenommener Blick heute zu schauen vermag.

Der Ausgangssatz muß heißen: Es gibt immer Alternativen! Kapitalistische Mehrwertstrategien dürfen nicht mehr das entscheidende Mittel der Wahl sein: Erde und Mensch sind keine Warenlager zur beliebigen Nutzung durch Großunternehmen und oligarchische Machstrukturen. Eigentum verpflichtet!, zuallererst zur radikalen Neuüberdenkung dieses Begriffs im Hinblick auf die ökumenische Wahrheitder Einheit in der Vielheit alles Lebendigen:Boden, Wasser, Luft und Licht sind Allgemeingüter, die Niemandem gehören- weder Einzelpersonen noch Unternehmen noch Staaten. Sie sind unverzichtbare lebensspendende Kräfte, die allen Wesen dieser Planeten zugute kommen müssen. Daraus folgt: Verzicht auf irreale Wachstums-programmatiken, strikte ökologische Landwirtschaft, Regionalisierungdes Handels, Einschränkung des Autoverkehrs (CO2 Ausstoss), Beendigung eines weiterhin überbordendenStraßenbaus, Aufbau robuster artenreicher Wälder, die sich selbstregulieren, statt als bloße Holzplantagen Kapital abwerfen sollen, wie bislang.

Weit über irgendwelche Machbarkeitsstudien hinausgehend zielen solche Maßnahmen auf eine grundlegende Erkenntnis: dass alles Leben heilig, sprich begnadet ist; eine Gnade (oder ein Geschenk), deren Ursprung (auch für die Wissenschaft) unbekannt bleibt. Solche Einsicht gilt insbesondere für ein katholisches Bayern, das ja christliche Tradition und Denken nur zu gerne als Basis seiner Kultur sieht. Mit Kreuzaufhängungen in Amtsstuben und Weihnachtschören z.B im Marienmünster ist jedoch allein nicht viel gewonnen. Schöpfung umfaßtGrößeres als überschaubares Traditionsgut.

Das gilt im Großen wie im Kleinen, alsoauch einer Gemeinde wie Dießen. Was heißt das für einen Ort (fast) nach Corona.Offenkundige Ermüdung und Lustlosigkeit, politisch gesehen Ideenlosigkeit, also Festklammern am Altbekannten- Bauen. Die seit einer Weile ungezügelte Bautätigkeit speziell in St. Georgen ist inzwischen unerträglich geworden. Sie zerstört die Ortschaft, degradiert sie zur Siedlung, indem sie Sichtachen radikal verbaut ( siehe Metzger Weiher), klobige, inkeiner Weise mehr angemessene, architektonisch häßliche Baukörperin den Ort einstampft. (Baderfeld etc.) Zu großen Teilen alles versiegelt (bringt mehr Rendite für Eigentümer und Immobilienfirmen). Wie notwendigGartenflächen in Zeiten rasant fortschreitenden Insektensterbens und damit in der Folge der dramatische Rückgang einheimischer Vogelpopulationen sind, sollte eigentlich bis in die Gemeindezentrale vorgedrungen sein. Aber wen kümmerts? außer den Bund Naturschutz, dessen Mittel und Einsatzkraft und Einfluß sehr begrenzt sind. Leider muß man sagen. Sonst hätten man vielleicht schon längstens z.B. eine Baumschutzverordnung.

In Zeiten von Krisen zeigt sich oftmals eine politisch gefährliche aus demokratischer Perspektive unannehmbare Haltung: Nicht sehen wollen was Sache ist- verschieben, ignorieren, klein reden. Nach Corona ist diese Tendenz umso unverständlicher, da jaseit 18 Monaten mit Zustimmung einer Mehrheit der Bevölkerung drakonische Grundrechtseinschränkungen durchgezogen wurden. Die Ausrufung des Klimanotstandes in der schon länger alltäglich zu besichtigenden Klimakrise (siehe Ahrweiler, bzw. den neuesten Klimabericht der UNO) ist aber mitnichten auf der Agenda der Gemeinde.

Davor steht das Bauamt, eine Institution, um die alles Andere kreist, und vor allem für Eines herhält - die Verstetung des ewig Gleichen: Wachstum als politische Selbstbestätigung für Fortschritt und Effizienz. Das alles inzwischen unter dem Deckmäntelchen von ‚Innenverdichtung'. Eine fatale Verharmlosung für den zunehmenden Charakterverlust des wohl schönsten Ortes am Ammersee.Hier hätte die Gemeinde die Aufgabe, sich unbedingt mit den staatlichen Behörden auseinanderzusetzen, statt sich ohnmächtig zu geben, wenn beispielsweise im Landratsamt ein staatlicher bestellter Oberaufseher kontinuierlich Bedenken, bzw. Ablehnungen von Bauanträgen der Gemeinden ignoriert.Das sind Themen für den bayrischen Städtetag, in dem ja auch Lokalpolitiker vertreten sind. Denn: Demokratie beginnt immer von unten.

Klar ist: es gibt keinerlei Notwendigkeit, den Ort noch mehr zu überlasten – vor allem verkehrsmäßig, wie man jeden Tag neu an der Herrenstraße beobachten kann! Schon vor kanpp 20 Jahren kam ein Gutachten zu dem Schluß, dass Dießen kein Wachstum mehr verträgt. Die Abgassituation für den sogenannten Luftkurort ist seit langem im Sommer inzwischen im roten Bereich. Dießen braucht dringendst das, was nicht nur die Grünen inzwischen auf Bundesebene fordern-, nämlich einen Ökoausschuss, dem Bau- und andere Abteilungen untergeordnet wären. Das heißt für die Gemeinde- weiter denken, als bis zur Marktgrenze!

Dießen ist u.a. ein Ort, der reichlich mit Wasser/ Bächen gesegnet ist. Hat die Gemeinde inzwischen einen Notfallplan entwickelt, wenn sich, was inzwischen jederzeit möglich ist, eine Flut wie in NRW über den Ort und seine Bewohner ergießen sollte? Man hörtbislang von keinen Vorsorgeplänen seiten der Parteien und der Bürgermeisterin.Man hört auch nichts über die zunehmende Nitratverseuchung des Grundwassers hier am Ammersee. Da Ökologie nicht am Ortsschild endet, muß die grundlegende Frage nach Besitzrechten undEigentumsverhältnissen angegangen werden. Wieviel Flächen sind in und um die einzelnen Ortschaften herum ökologisch noch deutlicher zu schützen, also von Bebauung freizuhalten sprich als Landschaftsschutz- besser noch als Naturschutzgebiete aufzuwerten, um fruchtbaren Boden wie Artenvielfalt in Zukunft zu erhalten. Damit auch eine gesunde nachhaltige Ernährung der Bevölkerung auf Dauer sichergestellt ist.

Insbesondere die Zivilgesellschaft müßte vielmehr in solche präventive Diskurse miteinbezogen werden. Denn die Uhr läuft- Ein Jahrzehnt haben wir noch, bis die roten Linien beim Klimawandel unwiderruflich überschritten sein werden. Zehn Jahre sind gerade mal 1 1/2 Legislaturperoiden, also fast gar nichts.

Wie sagte der amerikanische Sozialforscher Gregory Bateson schon vor Jahrzehnten: Wenn wir dieNatur ( durch unsre Ausbeutung) in die Vernichtung treiben, wird uns dieser Wahnsinn selbst treffen. Solche Rücksch(L)üsse sind inzwischen schon überall in der Welt anhand der immer schneller werdenden klimatologischen Veränderungen zu erkennen. Und auch Dießen und die Ammerseewelt sind mittendrin. 

Ort (Karte)

0
Vier Wochen, 150 Teilnehmer, zwölf Workshops, Mont...
"Er hatte sie alle". 50 Interviews, Reportagen, Po...

Ähnliche Beiträge

 

Kommentare

Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!
Bereits registriert? Hier einloggen
Gäste
Dienstag, 28. September 2021

By accepting you will be accessing a service provided by a third-party external to https://aloys.news/

Beliebteste Artikel

15. Oktober 2020
Kultur
Landsberg am Lech –  Seit mehr als 40 Jahren ist Johannes Skudlik Kantor an der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Landsberg. Seit 1984 gibt es den „Landsberger Orgelsommer". Die Kon...
4664 Aufrufe
27. September 2021
Aktuelles
Ammersee West – Der Sommer ist vorbei, aber es gibt noch schöne Tage. Daher informieren wir Sie wieder auf aloys.news wie warm oder auch wie kalt aktuell die Seen sind. Die Temperaturen können an...
4614 Aufrufe
09. April 2021
Aktuelles
Landkreis Landsberg am Lech – Antigen-Schnelltests haben ihren Namen daher, weil das Ergebnis schnell vorliegt. Sie können nur durch geschultes Personal durchgeführt werden – dafür wird ähnlich w...
3876 Aufrufe
23. Juni 2021
Aktuelles
Starnberg/Herrsching – Folgende Pressemitteilung bekam aloys.news gestern von der Gemeinde Herrsching: Liebe Bürger*innen, derzeit häufen sich wieder die Hinweise auf Zerkarienbefall bei Badenden. Vor...
3219 Aufrufe
15. August 2021
Meinung
In eigener Sache – Es wird keinen Lockdown mehr geben, versprechen uns die Politiker. Statt dessen kommt 3G. Gekauft, gekühlt, getrunken? Schön wär's. Geimpft, genesen, getestet. Ich als Eure Gastgebe...
2994 Aufrufe