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Erfahrungswissen aus Dießen für ganz Bayern – vom Ammersee-Denkerhaus aus

Hans-Peter Sander ist Vorstand des Ammersee Denkerhauses. Foto: Ammersee Denkerhaus

Dießen – Im Ammersee Denkerhaus – Coworking Space in der Dießener Sonnenstr. 1 ist seit einiger Zeit ein „CoWorkLand-Landesbüro Bayern" tätig. aloys.news wollte Genaueres erfahren und hat mit Hans-Peter Sander, Vorstand der Ammersee Denkerhaus e.G., gesprochen. Alois Kramer führte das Gespräch. Die beiden kennen sich seit Jahren und duzen sich.

aloys.news: Worum geht es bei dem CoWorkLand-Landesbüro Bayern?

Hans-Peter Sander: Wir sind sehr stolz, dass wir bei uns, neben der LEADER-Geschäftsstelle der LAG Ammersee, das Landesbüro Bayern der CoWorkLand Genossenschaft haben. CoWorkLand ist eine gemeinwohlorientierte Selbstorganisation von Coworking-Space-Betreibenden auf dem Land und in Kleinstädten mit Geschäftsstelle in Kiel. Diese unterstützt Gründerinnen und Gründer mit gemeinsamer Infrastruktur, vernetzt und macht auf Praxiserfahrungen basierende Qualifikations- und Beratungsangebote. Konkret heißt das: Im Landesbüro gehen nahezu täglich neue Anfragen aus dem Freistaat ein, wie die Idee einen Coworking Space aufzubauen Wirklichkeit werden kann. Das ist hoch interessant und unglaublich vielfältig; Hilfe suchen Privatleute, Investoren, Bürgermeister, Wirtschaftsförderer, Regionalentwickler usw.


aloys.news: Wie kommt das Ammersee Denkerhaus in Dießen dazu?

Hans-Peter Sander: Wir sind im Januar 2013 gestartet, gehören zu den Pionieren der ländlichen Coworking Szene bundesweit, haben viel gelernt. Unser Knowhow ist gefragt, wir haben es schon immer und weit über die lokalen Grenzen hinaus geteilt und zumindest in der Ferne viel Anerkennung gefunden.

Währenddessen tourten seit 2018 in Schleswig-Holstein mobile Coworking-Container übers flache Land. Die bieten zeitweilig in Dörfern und Kleinstädten wohnortnahe Büroarbeitsmöglichkeiten an und lassen diese von den Leuten dort ausprobieren. Die waren im Norden so erfolgreich, dass sie ihre Idee verstetigt und im Februar 2019 die CoWorkLand Genossenschaft gegründet haben.


aloys.news: Und wie haben sich hoher Norden und Ammersee dann gefunden?

Hans-Peter Sander: Seit wir von den ersten Container-Aktionen Wind bekommen hatten, haben wir das interessiert verfolgt. Und als wir im Juni 2018 in Holzhausen das BIGHub Innovationsforum durchführten gab es eine Live-Schaltung zu den Coworking-Containern in Schleswig-Holstein. Danach haben sich die Wege von Ammersee Denkerhaus und CoWorkLand immer wieder bei Tagungen und Workshops zu ländlichen Innovationen gekreuzt, auch auf den Grünen Wochen 2019 und 2020 in Berlin.


aloys.news: Wie ging es dann weiter?

Hans-Peter Sander: Die CoWorkLand-Genossenschaft hat immer mehr im ganzen Bundesgebiet Beachtung gefunden. Von überall her gingen und gehen in Kiel Anfragen zur Gründung ländlicher Coworking Spaces ein. Das war nur noch mit immer mehr erfahrenen Coworkerinnen und Coworkern zu bewältigen, die auch spezifisches Knowhow zu ihren Regionen einbringen. So habe ich im Frühjahr 2020 die Einladung angenommen mitzuarbeiten und mich um die Aufbauarbeit in Bayern zu kümmern.


aloys.news: Du sprichst von „Coworking auf dem Land": Wie erklärst Du den Begriff Leuten, die damit noch nichts anfangen können?

Hans-Peter Sander: „Coworking" bedeutet Arbeiten in Gemeinschaft an individuellen Themen – also „alleine zusammen Arbeiten" – in einem kreativen und professionellen Umfeld. Dabei können Synergien geschaffen werden und Kooperationen entstehen. Es gelten so genannte „Coworking-Prinzipien": Zusammenarbeit, Offenheit, Gemeinschaft, Zugänglichkeit, Nachhaltigkeit.


aloys.news: Und ein Coworking Space ist also der „Ort für Coworking"?

Hans-Peter Sander: Genau! Dort werden Büroflächen und -infrastruktur gemeinsam genutzt und großteils flexible Arbeitsplätze angeboten. „Flexibel" meint hier vor allem individuelle Nutzungsdauer und -zeiten je nach den jeweiligen Bedürfnissen und dass man sich den Schreibtisch aussucht, der gerade frei ist und der einem gefällt. Sehr wichtig ist mir persönlich, dass Coworking Spaces Orte für Netzwerken, für Innovation sowie für Gemeinschaft und – besonders auf dem Land – für Begegnungen sind. Mir gefällt auch die Beschreibung als so genannte „Dritte Orte": Dahinter steckt der Gedanke, dass Menschen erstens in Firmen, zweitens im Homeoffice oder drittens auch an anderen geeigneten Orten arbeiten – wie Cafés, Bahnhofs-Lounges, ICE-Abteilen, auf dem Ammersee-Dampfer oder eben auch in Coworking Spaces. Dass immer mehr Menschen die Wahlmöglichkeit bekommen und nutzen, das ist ein großer Wunsch auch von mir.


aloys.news: Du hast ein wachsendes Interesse an Coworking Spaces auf dem Land ausgemacht. Wie kommt es dazu?

Hans-Peter Sander: Schon seit Jahren laufen gravierende Veränderungen in der Arbeitswelt, getrieben vor allem von Digitalisierung, Agilität und Wertewandel. Mit der Corona-Krise hat dieser Wandel einen dramatischen Schub bekommen. Denn Millionen Beschäftigte haben plötzlich im verordneten Homeoffice persönliche Erfahrungen mit ortsunabhängiger Arbeit fern ihrer gewohnten Firmenschreibtische gemacht. Das waren gute wie weniger gute. Dasselbe gilt für Unternehmen, wie auch für Behörden und andere. Alle haben nicht nur erkannt, dass da „etwas geht", allen bieten sich auch neue Chancen.


aloys.news: Was meinst Du damit?

Hans-Peter Sander: Dass da „etwas geht" bedeutet: Arbeitnehmer wie Arbeitgeber haben ihre Erfahrungen gemacht und erkannt, dass die Welt nicht untergeht, wenn man nicht Tag für Tag an den Firmenschreibtisch reist. Die Arbeit wurde massenhaft nun auch vom Homeoffice weitestgehend erledigt; mit kritischen aber auch sehr vielen positiven Erfahrungen. Beschäftigte sparten z.B. Pendelzeit und -kosten, Firmen konnten sich über weniger Pendelei-gestresste Mitarbeitende freuen und entdeckten Möglichkeiten ihr Image als arbeitnehmerfreundlicher Arbeitgeber aufzupolieren. Oder sie begannen schlichtweg, Kosten für teure Büroflächen einzusparen. Das sind nur einige ausgewählte Punkte.


aloys.news: Eröffnen sich nicht noch weitere Chancen?

Hans-Peter Sander: Wenn viele Schreibtischarbeitende künftig nicht mehr jeden Tag, sondern nur zwei- dreimal in die Großstadt pendeln und stattdessen am Wohnort schaffen, entlastet das Umwelt und Verkehrsinfrastruktur. Es eröffnen sich durch die am Ort bleibende Kaufkraft auch Möglichkeiten für die heimische Gastronomie und den Einzelhandel. Das gesellschaftliche Leben könnte mit tagsüber vor Ort bleibenden und stressbefreiten, ausgeruhteren Menschen neue Impulse bekommen.


aloys.news: Das klingt spannend. Diese Thematik ist auch Gegenstand des „Kleinstadtakademie"-Projekts?

Hans-Peter Sander: Ja, in dem vom Bundesinnenministerium geförderten Modellvorhaben sollen in Dießen im Austausch mit vier anderen Kleinstädten – das sind Mölln in Schleswig-Holstein, Wittenberge in Brandenburg, Dippoldiswalde in Sachsen und Oestrich-Winkel in Hessen – „Transformationspfade im Themenfeld Neue Arbeitswelten" bis 2023 entwickelt werden. CoWorkLand ist die Projektagentur für das Kleinstadt-Konsortium, ich darf für CoWorkLand das Ganze von hier aus verantwortlich managen. Im Ammersee Denkerhaus laufen aber auch für Dießen die Fäden zusammen und aus unserer Denkerhaus-Community arbeitet Prof. Dr. Wolfgang Stark in der hiesigen Task Force mit.


aloys.news:„Transformationspfade im Themenfeld Neue Arbeitswelten": Worum geht es da genau?

Hans-Peter Sander: Wir wollen zunächst für Dießen herausfinden, wer denn bei solch einem Thema eigentlich die Akteure vor Ort sind, und wie diese für eine aktive Kleinstadtentwicklung gewonnen werden können. Wir wollen auch ergründen, welche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wirkungen die Verbreitung neuer Arbeitsformen für unsere Marktgemeinde hat, z.B. für eine Belebung des Ortes, für die Nutzung von Leerstand, für Einzelhandel, Gastronomie, Dienstleiter, aber auch für Vereine und Ehrenamt, für eine Gründerszene, für Mobilitätsangebote und -infrastruktur, für die Kultur. Das Themenspektrum ist enorm breit, wie sich bereits in der Anfangsphase zeigt. Wir werden in Dießen daraus selbst unsere Schwerpunkte ziehen und bearbeiten. Zum Projekt gehört im letzten Drittel eine sogenannte Laborphase, in der etwas Konkretes ausprobiert werden kann. Am Ende soll mehr Klarheit herrschen, was in unserem Ort bei diesem Thema wie möglich ist.


aloys.news: Danke für die Einblicke. Viel Erfolg dem CoWorkLand-Landesbüro Bayern und dem Projekt Kleinstadtakademie!

Hans-Peter Sander: Danke für die guten Wünsche und für das Interesse! Gerne berichte ich auch künftig über Fortschritte und Neuigkeiten.

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