"Ernesto, der Seebär – Vom Tretauto zum Schlachtschiff" Erinnerungen des 90-jährigen Dießener Ernesto Rudolf Hofmann. Auf der Insel Java geboren, landet er auf seine alten Tage am Ammersee. Der Fortsetzungsroman eines bewegten Lebens, Teil 2: Folge 37

Die National Art Gallery in Madras. Foto: Ernesto R. Hofmann

Folge 37

Die Wiedersehensfreude von beiden Seiten war groß, auch die chinesische Besatzung gab ihrer Freude Ausdruck und alles war wieder so wie früher. Der Diensteintritt bereitete keine Probleme, war doch glücklicherweise „nur" der linke Finger betroffen, also nicht mein rechter „Morsefinger".

Und so steuerten wir dann wohlgemut Calcutta an und nahmen Liegeplatz kurz unterhalb der Hooghly River Bridge in Budge Budge. Es war unvorstellbar, was da alles im Ganges am Schiff vorbeischwamm: Leichen, aufgedunsene Kühe und so weiter und das dreimal täglich, wechselnd mit Ebbe und Flut. Für einen Inder ist es das größte Glück, sein Grab im Ganges zu finden. Und das alles fließt anschließend in den Indischen Ozean. Also bitte keine Krabben, Garnelen und Fisch aus dem Golf von Bengalen! Einmal wurde eine Springflutwarnung ausgegeben und wir warteten angstvoll auf das, was da kommen sollte. Der Alarm wurde alsbald abgeblasen, denn es war nur eine harmlose Welle von 30 cm Höhe, die sich da träge den Ganges hinauf wälzte.

Das große Shell-Zentrum in Fern-Ost war Pulau Bukom, wo wir reichlich Zeit fanden, die wunderschöne Stadt Singapore anzusehen. Das Raffles-Hotel, die alte anglikanische Kirche, die heute verloren inmitten der Wolkenkratzer steht und vieles andere. Wir wurden auch von einem evangelischen Pastor eingeladen, was für mich ein kulturelles highlight war. Einer aus unserer Gruppe aber musste sich unglücklicherweise mit ihm wegen einer Glaubensfrage anlegen und so war unser Gastspiel und seine Gastfreundlichkeit nur von kurzer Dauer. Intoleranz innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft. Unfassbar und ein Übermaß an Dummheit!

In Pulau Bukom luden wir Kerosin und Schweröl für Yokohama und Tokuyama in Japan.

Singapore lag weit hinter uns, als unsere altersschwache Maschine, die im Krieg voll auf Verschleiß gefahren wurde, im Südchinesischen Meer südlich von Formosa (heute Taiwan)erneut den Geist aufgab. Zum dritten Mal legte ein kaputter Kolbenring das Schiff lahm. Diesmal war uns alles andere als nach Haifischfangen zu Mute. Die Situation war umso gefährlicher, als wir uns inmitten eines der berüchtigtsten Piratengebiete der damaligen Zeit befanden. Zudem gab weiter nördlich, bei Japan, ein Taifun nach dem anderen die Türklinke in die Hand. Und genau dort lag unser nächster Bestimmungshafen, nämlich Yokohama. Die vorgelagerten Inseln gaben uns keinen Schutz vor einem weiteren herannahenden Taifun, dem wir voll in die Arme laufen mussten. Ein Zurück hätte es in der Enge nicht gegeben. Und so kam es, wie es kommen musste: wir liefen direkt ins offene Messer. Da nutzte uns keine noch so gut gemeinte Sturmwarnung mehr, wir saßen ja notgedrungen mittendrin. Zu allem Unglück war die kritischste Zeit genau wieder die Dämmerung, in der Funkpeilungen über Stunden hinweg keine zuverlässige Position mehr garantierten. Radar hatten wir nicht an Bord und die Sicht war gleich null. Der Sturm hatte die Windstärke 12 auf maximal messbarer Skala weit überschritten und kappte die Wellenkronen einfach weg. Es war, als befänden wir uns mitten in einem Trog voller Seifenschaum. Die Küste war nicht auszumachen. Alles weitere mussten wir dem Lieben Gott überlassen und, so gut es ging, mit halber Kraft voraus nach dem Kompass navigieren unter Berücksichtigung der auf der Seekarte angegebenen Strömungen. Die Maschine mussten wir mehr denn je schonen, denn ein Ausfall in diesem Hexenkessel wäre fatal gewesen. Sie ließ uns nicht im Stich.

So drückte ich dem ersten Steuermann meine Kamera in die Hand und bat ihn, wenn's „besonders schön" war, abzudrücken. Das Ergebnis war überwältigend. Zu sehen sind Bilder, wie sie der Bayerische Rundfunk im Rahmen seiner Sendung „Panoramabilder" um 7 Uhr morgens früh vom Zugspitzplateau bei dichtem Nebel ausstrahlt: Absolutes Nichts. Was soll auch drauf sein, wenn Himmel und Wasser fließend in einander übergehen? Ich selbst hatte im Funkraum zu tun.

Trotzdem vollzog sich in dem Moment, als wir das Auge des Taifuns durchkreuzten, ein kleines Drama: Auf Deck vor der Brücke saß ein verängstigter Flattermann, der nicht wusste, was ihm geschah, bis ihn der Sturm, der nach einer Minute mit unveränderter Heftigkeit von der entgegengesetzten Seite wieder einsetzte, in die Turbulenz nach oben riss. Wir mussten das hilflos mit ansehen…

Man muss sich einen Taifun folgendermaßen vorstellen: Ein ringförmiges Sturmgebiet dreht sich um das Zentrum eines Tiefdruckgebietes mit einem Durchmesser von nur wenigen Kilometern, in dem absolute Windstille herrscht. Drüber ist ein blaues Himmelsloch zu sehen und man glaubt, die Welt sei wieder in Ordnung. Die Sonne scheint. Hat man das Glück, oder wie man es sonst nennt, dieses Loch durchquert zu haben, bläst der Sturm von der entgegengesetzten Seite mit unverminderter Heftigkeit, bis sich das Sturmtief, das man eben durchfahren hat, verzogen hat. Es war Nacht und die jetzt wieder zuverlässigen Funkpeilungen ergaben, dass wir auf richtigem Kurs lagen. Eine ganze Armee von Engeln hat uns geleitet.

Noch etwas prägt meine Erinnerung an dieses Wetterphänomen: Nach dem, was ich damals auf der Jupiter erlebt hatte, konnte mich das bisschen Wind in keiner Weise mehr erschüttern, obwohl die Situation doch wieder etwas anders war. Waren damals die Wellen unsere Bedrohung, war es diesmal ein Sturm, der sich aber lange nicht so bedrohlich ansehen ließ, obwohl die Gefahr mindestens ebenso groß war. Mich schalt man einen Angeber, weil ich so unbeeindruckt vom Ganzen auf der Brücke stand, während die andern vor Angst buchstäblich in die Hose machten. Nun, was soll's. Zum Glück hat die Maschine durchgehalten und wir kamen wohlbehalten in Yokohama an. Es hat sich wieder einmal, wenn's darauf ankam, deutsche MAN-Wertarbeitbestätigt.

Ein Besuch an Hiroshima kam leider nicht zustande, es haperte leider an der ungünstigen Bahnverbindung zurück zum Schiff. - Also sah ich mir die Stadt Tokuyama an. In einem Park ließen die Modellflugzeugbauer ihre mit so viel Liebe gebauten motorisierten Flugzeuge starten. Einer stürzte ab und der Besitzer hob die Bruchstücke lächelnd auf. Er behielt seine Contenance. Als ich an einer Kirche vorbeikam, ging ich hinein, als ein portugiesischer Pater auf mich zustürzte: Vorher bitte die Schuhe ausziehen. Alles war fein säuberlich mit Matten ausgelegt. Er fragte mich, ob ich zur Kommunion gehen wollte, weil ich ihm sagte, ich sei umständehalber schon lange nicht mehr in einer Kirche gewesen. Ich entgegnete ihm, gerade ein opulentes Mittagessen hinter mich gebracht zu haben und sei nicht mehr nüchtern (wie das in der katholischen Kirche erforderlich ist). Sein umwerfendes Gegenargument: „Wollen Sie den Herrn empfangen oder nicht??" Selbstverständlich wollte ich. Dieses Ereignis sollte mein weiteres christliches Leben dauerhaft prägen, denn mit dieser Einstellung taten sich andere seiner Kollegen schwer, wie ich später in Melbourne und Genua erleben musste.

In Balik Papan auf Borneo hatte man inzwischen die im Krieg durch die Japaner zerstörte Raffinerie wieder aufgebaut. Ach, das habe ich ganz vergessen: Unser zweiter Steuermann und ich schlossen nach meinem Wiederanbordkommen in Madras eine Wette ab, ob er sich auch traue, einen Bart wachsen zu lassen, weil meiner aus Madras schon Formen angenommen hatte. Das ließ er sich nicht zweimal sagen und unsere Bärte sprossen so üppig, dass der japanische Lotse in Yokohama, als er an Bord kletterte, verdutzt fragte:„Is this a ……ship?" Die vermeintliche Nationalität verschweige ich pietätshalber.

Wir waren selbstverständlich schwer beleidigt. Der Bart hatte einen großen Vorteil: Man konnte morgensfrüh zwei Minuten länger schlafen. Ansonsten war er ein Sammelsurium an verlorengegangenen Gegenständen und Essensresten wie Erdnüssen,Reiskörnern und sonstigem. Kämmen dieses Gestrüpps war längst nicht mehr möglich und mein Bart war aus unerfindlichen Gründen auch noch rot. In Balik Papan, deswegen kam ich auf dieses Intermezzo, besuchten wir dann den Shell-Club, in dessen Schwimmbad sich Kinder allerlei Nationen von Shell-Angehörigen tummelten. Einmal im Wasser, schwammen unsere Bärte hinter uns her und die Kinder hatten entdeckt, dass uns eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Weihnachtsmann nicht abzusprechen war. Sie sprangen unter lautem Rufen „Look, there is Father Christmas" ins Wasser, schwammen auf uns zu und im Nu hatte jeder von uns drei Kinder auf dem Rücken. Wir schwammen ums Überleben, um nicht unwürdig unter zu gehen, denn sonst hätten wir den Kindern doch eine Illusion geraubt: Es gäbe keinen Weihnachtsmann mehr, denn der ist jaim Schwimmbecken der Shell auf Borneo ertrunken. Und so schwammen wir zu unserer eigenen Ehrenrettung und die des Weihnachtsmannes, um unser Leben.

Dieses Erlebnis bestärkte uns in der Überzeugung, dass die Zeit unserer Bärte nun doch langsam in die Jahre gekommen sei, denn mittlerweile hatten der Kapitän, die Steuerleute und die Maschinisten alle ein mehr oder weniger beeindruckendes Gewächs im Gesicht. Ich machte den Anfang und rasierte mir aber nur die rechte Gesichtshälfte ab und ließ die andere Barthälfte stehen. Der erste Chinese, dem ich begegnete, ließ sich der Länge nach laut schreiend auf dem Boden fallen und strampelte mit Armen und Beinen vor Lachen, denn es sah tatsächlich bescheuert aus. Andere Kollegen folgten seinem Beispiel und auch für meine anderen Kollegen hatte nun die Stunde der Wahrheit geschlagen: Alle hatten jetzt nur noch einen halben Bart.- Und so liefen wir wieder in Singapore ein und waren dort das Tagesgespräch. Die Presse kam an Bord und am nächsten Tag standen wir in all unserer Pracht in der Zeitung, denn so etwas hatte es bei Shell noch nicht gegeben (dafür aber vieles anderes!).

Fortsetzung folgt


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