"Ernesto, der Seebär – Vom Tretauto zum Schlachtschiff" Erinnerungen des 90-jährigen Dießener Ernesto Rudolf Hofmann. Auf der Insel Java geboren, landet er auf seine alten Tage am Ammersee. Der Fortsetzungsroman eines bewegten Lebens, Teil 2: Folge 38

Ernesto Rudolf Hofmann ist der Seebär. Graphik: Pax et Bonum Verlag

Folge 38

In Pladjoe traf ich meinen Freund und Studienkollegen Lacet, der auf dem Shell-Tanker „Saidja" (ca. 6000 Tonnen) Dienst tat. Die Wiedersehensfreude war groß. Auch er hatte sich der Wohltätigkeit verschrieben und schmuggelte eine komplette Klimaanlage für ein örtliches Krankenhaus an Land. Vermutlich hatte der Zoll ihn schon längst auf dem Kieker, denn ausgerechnet bei seiner letzten Charge lief er dem Zoll in die Arme. Nur eine horrende Auslösesumme bewahrte das Krankenhaus davor, eine zu 95% wertlose Ansammlung von Klimaanlagenteilen sein eigen nennen zu dürfen. Freund Lacet und das Krankenhaus standen auf der Verliererseite. Ja, wie das Leben so spielt

Mit dem Zoll war im übrigen nicht zu spaßen. Eines Tages bekam die „Saidja" Besuch vom Zoll, der die gesamte Holzvertäfelung der Brücke in Trümmer legte, ohne etwas zu finden. Der Schaden war immens, die Shell blieb auf den Reparaturkosten sitzen. Diese, in dem Fall willkürliche, Aktion erfolgte auf bloßen Verdacht hin, es wäre Rauschgift an Bord. Aber warum ausgerechnet auf der Brücke?

Pladjoe besorgte mir ein Erlebnis, das ich fast als zwiespältig einstufen möchte. Es stand mir plötzlich ein junges, außerordentlich hübsches Mädchen von 13 (!) Jahrenmit langen blonden Haaren gegenüber. Ich weiß nicht, wie dieses engelhafte Wesen überhaupt auf das Gelände und auf das Schiff gekommen ist. Väterliche Instinkte wurden in mir wach, obwohl diese kleine Lolita versuchte, wie Lulu sämtliche ihre Reize spielen zu lassen und man möge nicht pauschal „ältere" Männer verdammen, die einem solchen frühreifen Kind verfallen. Zu solch einer Erkenntnis gehören immer zwei. Norma sollte mir im Lauf der beiden nächsten Jahre noch zweimal, aber völlig zufällig, über den Weg laufen (ich komme darauf zurück). Man fragt sich, wie so etwas möglich ist. – Es entpuppte sich ein lebhaftes Gespräch, aus dem ich ihre überdurchschnittliche Intelligenz erfuhr, aber auch die Gefahr erkannte, die von ihr ausging und vor allem, in die sie sich selber brachte. Sie lud mich ein, abends ihre Eltern zu besuchen und kennenzulernen. Der Vater war ein hochrangiger Angestellter bei der Shell. Der Abend verlief in herzlicher Atmosphäre und ich hatte den Eindruck, dass sich die Eltern gar nicht bewusst waren, welch eine tickende Zeitbombe sich in ihrer Norma verbarg. Ich fand keine Gelegenheit, das Gespräch darauf zu lenken.

Die Fahrten zwischen Singapore und Pladjoe waren immer recht unterhaltsam. Eines Tages hatten wir Pulau Bukom hinter uns gelassen, um unseren 90 Grad Ostkurs auf genau 180 Grad Süd zu verlegen, als uns von hinten an Steuerbord (rechts) ein Tanker unter fremder Flagge den Weg versperrte, der weiter stur seinen Ostkurs beibehielt. Wären wir einfach rechts abgebogen, wäre uns der Kollege voll in die Steuerbord-Breitseite gefahren. Dessen Kapitän erkannte die seltene und einmalige Gelegenheit, uns über Backbord, nach links also, eine 270 Grad-Schleife drehen zu lassen. Das höchste Erfolgserlebnis für einen Kapitän, wenn er dazu die Gelegenheit hat, einem andern etwas auszuwischen. Eine Chance, die ihm höchstens einmal im Leben geboten wird!

Unser Kapitän, auch nicht mundfaul, gab dem Kollegen per Megafon zu erkennen, was er von ihm hielt. Meines Erachtens hätte er, um die Schmach zu verhindern,ja auch bloß die Maschine stoppen, den andern vorbeilassen und sein Kielwasser kreuzen brauchen…?

Ein ander Mal drohten wir, von einem britischen Shell-Tanker rechts überholt zu werden. Diese Schande konnte unser Alter nicht auf sich sitzen lassen, noch dazu, wo es sich um einen Engländer handelte – wenn auch von derselben Reederei. Ein Rennen bahnte sich an.

Das hatte ein gewaltiges und unvorhergesehenes Nachspiel. Denn bisher standen wir auf der Schonungsliste. Alles nicht zu schnell. Keine hohe Geschwindigkeit, nicht zu sehr die altersschwachen Pumpen strapazieren, alles immer schön langsam und gemächlich. Wir waren bekannt. Deshalb überall längeren Landgang. Als nun der Kollege erkannte, dass wir etwas gegen seine höhere Geschwindigkeit hatten, im Gegenteil, ihn weit zurück ließen, kam man beim Technischen Dienst der Shell ins Grübeln. So schlimm kann es dann mit der Altersschwäche der „Gadila" nicht sein. Die Inspektion kam an Bord und unterzog die gesamte Maschinenanlage einer eingehenden Prüfung, wobei sich herausstellte, dass technisch alles in bester Ordnung war. So wurde uns anschließend dasselbe stramme Diktat wie bei anderen Schiffen auferlegt, anstatt uns dankbar zu sein, dass wir die Maschinenanlage immer so gut geschont und in Schuss gehaltenhatten. Aus und vorbei war es mit der Schonzeit, der Gemütlichkeit und dem Schlendrian, wie wir ihn uns selbst verordnet hatten. Da hat unser Alter zwar den Wettlauf mit einem Engländer, mit denen die Niederländer auf maritimem Gebiet sowieso immer im Clinch lagen, ehrvoll für sich und unser Schiff entschieden, sich aber letztendlich ins eigene Fleisch geschnitten… Und einen Schaden hatten wir eigenartigerweise danach nie mehr. Hier waren höhere Mächte im Spiel.

Unser Chief, wie der Leitende Ingenieur bei der Marine hieß, war ein schlauer Fuchs, auch liebenswert und immer voller Überraschungen. Außerdem war er einer (oder mehreren Flaschen Bier) nicht abgeneigt. Bestimmte Personen assoziiert man immer mit einem bestimmten Gegenstand oder in einer gewissen Umgebung. Ihn bringe ich mit seiner Kabine in Verbindung, sitzend in einem flachen Lehnstuhl und einem Kasten Bier neben sich. Obwohl er zu jeder Tages- und Nachtzeit immer schon mehr oder weniger betüddelt war, hatte er stets die volle Kontrolle über seinen Maschinenraum. Ich erlebte ihn, als er plötzlich, wie von einer Tarantel gestochen aufsprang, weil irgendein Geräusch aus der Maschinenraum-Kakaphonie, die in seine Kabine drang, fehlte. „Der Schmierölfilter ist ausgefallen" und er raste hinunter. Und es stimmte immer. Er war ein Meister seines Fachs.

Was das Bier betrifft, er machte sich aus einer leeren Flasche überhaupt kein Problem. Die wurde gleich an Ort und Stelle entsorgt. Das hieß: Sie wurde rückwärts über seine Schulter hinweg durch das Bullauge über seiner Koje ins Freie befördert. Pech, wer zu diesem Zeitpunkt gerade draußen an seinem Bullauge vorbeimarschierte. Die Gefahr war übrigens nicht allzu groß, denn von 24 Flaschen segelte zufälligerweise nur eine durch das Bullauge. Die andern 23 lagen in Scherben in seiner Koje, in der er sich dann selig schlafen legte. Er hatte bei uns den gewissen Nimbus eines Heiligen, eines Guru, denn er trug nie eine Schnittverletzung davon und er erinnerte uns immer an den Daniel in der Löwengrube.

Ein komischer Vogel war er schon. Eines Nachts trommelte er mich heftig aus meinem tiefsten Schlaf und schrie: Ich muss ein dringendes Telegramm verschicken. Ich sagte, bist du wahnsinnig? Mitten in der Nacht?? Nein, es sei furchtbar wichtig und dringend und du kriegst hundert Dollar von mir. Nun, es handelte sich zwar „nur" um Straitsdollars, dann war sein Schaden und mein schlechtes Gewissen nicht allzu groß. Ich malte mir aus, was ich denn mit den 100 Straitsdollars alles kaufen könnte, u.a. die hohen Briefmarkenwerte zu je 5 Dollars der Sultanate Perak, Kedah und derartige, erhältlich am Postamt in Singapore. Ich staunte nicht schlecht, als ich den Inhalt seiner wichtigen Botschaft las: Lieber Schatz, ich liebe Dich! Ich fragte, nicht allzu vorwurfsvoll, denn ich hatte die 100 Dollars ja noch nicht: War das denn so dringend? Ja, das musste er seiner Frau gerade jetzt ganz dringend sagen. Ob seine Frau das auch so sah, glaube ich nicht, denn bei ihr war es auch schon Nacht. Aber ich hatte meine vier kostbaren Briefmarken, die ich mir sonst nicht hätte leisten können. Und die Welt war wieder in Ordnung.

Wieder einmal brüderlich vereint mit der „Saidja" in Pladjoe hörten wir, dass auf einem ganz in der Nähe liegenden amerikanischen Schiff der Isbrandtsen-Line der Funker an schwerer Gürtelrose erkrankt sei. Das Schiff konnte aber Ersatz aus der amerikanischen Heimat nicht abwarten und nun war guter Rat teuer. Lacet und ich begutachteten im Beisein unserer beiden Kapitäne die Funkstation der „Flying Irgendundnochwas" (den Namen habe ich vergessen) und sahen eigentlich kein Problem, zu dritt im Konvoy mit nur zwei Funkern die kurze Strecke nach Singapore zu überbrücken. Seine Funkstation bot keinerlei Neuigkeiten. Wir wunderten uns nur über das viele unnütze Blech mit nix dahinter, genau wie bei den Straßenkreuzern. Unsere Funkstationen waren modern, zweckmäßig und übersichtlich, logisch aufgebaut. Und so bekamen wir von der indonesischen Regierung eine Ausnahmegenehmigung, eines unserer Schiffe, für die unserer Größe wegen international eine besetzte Funkstation erforderlich gewesen wäre, ohne Funker im Konvoy mitfahren zu lassen. Unsere „Gadila" war das größte Schiff, wir bildeten die Führung. Die funkerlose „Saidja" nahmen wir in unsere Mitte und das Schlusslicht bildete die „Flying Irgendwas" mit Lacet als Funker auf einem amerikanischen Schiff. Zu dritt kamen wir ohne Zwischenfälle in Singapore an, wo der mittlerweile eingetroffene amerikanische Funker schnurstracks an Bord seines Isbrandtsen-Liners stieg. Vom amerikanischen Kapitän wurden wir fürstlich verabschiedet und er drückte mir ein Bündel Dollars als Entlohnung für erwiesene Dienste in die Hand. Mir ist bis heute nicht klar, ob es sich dabei um eine Ungeschicktheit des amerikanischen Kapitäns handelte, denn unterwegs forderte Lacet, der auf ungeklärte Weise davon Wind bekam, über Funk seinen vermeintlichen hälftigen Anteil der 300 Dollar, die ich, obwohl schwarzverdientes Geld, bereits korrekt als Einkünfte zugunsten der Schiffskasse meines Arbeitgebers verbucht hatte. Dazu muss man wissen, dass sich damals der Dollarkurs zum Gulden für unsere Verhältnisse in astronomischer Höhe bewegte. Der Betrag entsprach damals bei 4 zu 1 etwa 1200 Gulden, etwa acht Monatsgehälter. Um allen Unstimmigkeiten aus dem Weg zu gehen, schickte ich ihm bei nächster Gelegenheit seinen Anteil, zumal der amerikanische Kapitän meine Bitte um Auskunft ignorierte. Aber leider war damit auch die Freundschaft mit Lacet zu Ende.

Fortsetzung folgt

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