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"Ernesto, der Seebär – Vom Tretauto zum Schlachtschiff" Erinnerungen des 90-jährigen Dießener Ernesto Rudolf Hofmann. Auf der Insel Java geboren, landet er auf seine alten Tage am Ammersee. Der Fortsetzungsroman eines bewegten Lebens, Teil 2: Folge 45

Die "Oranje". Foto: Stoomvaart Maatschappij „Nederland“, Privatsammlung Ernst R. Hofmann

Folge 45

Mein Schiff Nr. 8, die "Oranje" gehörte zwar nicht mir, sondern der Stoomvaart Maatschappij „Nederland" (SMN) in Amsterdam. Sie war mit ihren auf der Probefahrt gemessenen 26 Knoten (48 km/h) damals das schnellste Motorschiff der Welt und wurde knapp vor dem 2. Weltkrieg in Dienst gestellt. Sie maß 20.017 brt und sollte eine Reisegeschwindigkeit von 22 Knoten einhalten. Ihr internationales Rufzeichenwar PGOF, das ihren 740 Passagieren weltweite Erreichbarkeit sichern sollte. Zu einem Passagiereinsatz kam es jedoch nicht mehr, denn sie wurde, nachdem sie zu einen Lazarettschiff umgebaut wurde, der australischen Marine unterstellt, jedoch weiterhin mit niederländischer Besatzung. Nach dem Krieg wurde sie wieder zum Passagierschiff umgebaut und befuhr die Route Amsterdam-Batavia (später Djakarta). Der dieser Stadt vorgelagerte Hafen war Tandjong Priok.

In 1953 füllte sie die Schlagzeilen der Weltpresse, nachdem sie in einen spektakulären Zusammenstoß mit der „Willem Ruys" verwickelt wurde. Den Unfallhergang habe ich unter „Schiff Nr. 9, der „Marisa", geschildert, als wir bei Marseille in eine identische Situation zu geraten drohten, was aber in dem Moment durch beide Besatzungen nicht als solche erkannt werden wollte. Dies wurde eben auch der „Oranje" und der „Willem Ruys" zum Verhängnis. Es geht dabei um Entscheidungen, die von der Schiffsleitung innerhalb von Sekunden getroffen werden müssen und die, einmal gefällt,unwiderruflich sind, obwohl so viel Platz auf dem Meer ist.

Die „Oranje" erwies sich in allen Situationen als sehr schnell. Nach der Reparatur, bei der ihr ein neuer Bug verpasst wurde, der zwischenzeitlich auf der Bauwerft nach alten Plänen aus 1937 gebaut worden war, nahm sie ihren Fernost-Dienst wieder auf. Bei ihrer Ankunft in Amsterdam hatte die Werft in Rekordzeit den neuen Bug gebaut, der ihr im Trockendock angesetzt wurde. Die Reparatur dauerte noch keine Woche und stellte eine Glanzleistung der Amsterdamer Bauwerft dar. Die Bruttoregisterzahl wurde dadurch geringfügig erhöht.

Zu meiner Zeit gab es kaum noch Passagiere niederländischer Nationalität, die meisten unserer Passagiere waren Engländer und zwar auf der Strecke Singapore-Southampton. Diese Situation war leider dem Zerwürfnis zwischen dem einstigen Mutterland Holland und der einstigen Kolonie Niederländisch-Indien zuzuschreiben, als Indonesien nach Unabhängigkeit strebte und sie auch erhielt, mit unter starkem Druck seitens der UNO und Australiens. Das war dann auch der Grund dafür, dass der Linienverkehr zwischen beiden Ländern wegen Unrentabilität definitiv eingestellt wurde Im Miniformat hatte dies Auswirkung auf mich, denn es war meine Aufgabe, während meiner Wache von 0 bis 4 Uhr den englischen Pressebericht von Portishead Radio aufzunehmen. Es rächte sich, dass ich bis dahin das Schreibmaschinenschreiben noch nicht beherrschte, ein schweres Manko, wie sich jetzt herausstellen sollte. Der jeweils überlange Pressebericht wurde mit einer übermenschlichen Geschwindigkeit gesendet, die es einem der Maschinenschrift Unkundigen fast unmöglich machte, alles von Hand mitzuschreiben. Meine Hand verkrampfte sich und ich musste diverse items (Absätze) ganz einfach auslassen. Mein Chef auf diesem Schiff hatte dann die undankbare Aufgabe, aus meinem Gekritzel noch eine anständige Bordzeitung zu zaubern, die seit Bestehen der „Oranje" noch nie so kurz war. Seine Kommentare kann ich nicht einmal sinngemäß wiederholen. Wie schnell habe ich mir diese Kunst auf dem nächsten Schiff beigebracht. Da konnte die Presse noch so schnell gesendet werden, auch wenn sie 2 Stunden dauerte, es war dann kein Problem mehr. Beine auf dem Tisch und die Schreibmaschine auf dem Schoß und so schnell konnte der Absender nicht sein, die Buchstaben flossen, jeder für sich, ganz gemächlich ins Papier. Zwischendurch konnte man sich noch die Nase reiben und am Ohr kratzen.

Auch die Konversation mit amerikanischen Kriegsschiffen, die bekanntlich keine Morsetaste im herkömmlichen Sinn mehr benutzten, sondern Tasten, die nach links gedrückt nur Striche und nach rechts nur Punkte sendeten (oder umgekehrt), bereiteten keine Probleme. Mit meiner Morse- geschwindigkeit war ich sowieso manchem Amerikaner mit seinem modernen Gelumpe weit überlegen. Diese Kunst der blütenreinen Morseschrift – und das war sie! - zu beherrschen, machte mir als Perfektionisten einfach Spaß und auch wegen meiner regelmäßigen Morseschrift wurde ich allerorts gepriesen, insbesondere von der heimatlichen Küstenstation Scheveningen Radio PCH. Man fragte immer zurück, welches Fabrikat meine Sendemaschine sei. Ich sagte dann immer: „Made by God the Allmighty". Auf meinem Antennenausgang hatte ich eine kleine Neonlampe montiert, die ich während des Sendebetriebs immer im Auge behielt.

Aber ich bin mit meiner Arbeit auf der „Oranje" wieder einmal meiner Erzählung vorausgeeilt, denn die Oranje schwamm da noch friedlich irgendwo im Indischen Ozean herum, unterwegs nach Singapore. Inzwischen hatte ich auf Geheiß der Reederei mein Quartier im Club aufgeschlagen, das das Prädikat „Zimmer" Lügen strafte. (Wenn es nach mir ging, wäre ich vorher lieber im Raffles-Hotel in Singapore abgestiegen). Es war eher eine „Zelle", die ich mit einem süßen Gekko teilte, der ganz verwundert schien, jetzt einen Zellennachbar zu haben. Störend war einzig, dass er immer nachts seiner Umwelt wissen lassen musste, was für ein Tier er sei. Schon bei unserem ersten Treffen stellte er sich vor mit „Gekko". In der weißgetünchten Zelle stand lediglich ein einsames Bett. Anscheinend hatte der Agent Mitleid mit mir, denn er zeigte mir das ehemalige Batavia/Zentrum mit dem seinerzeitigen Koningsplein, dem Gouverneurspalast und der weiterenUmgebung, was alles noch das Fluidum der alten Kolonialmacht Holland ausstrahlte. Und so kam ich mit vielen Indonesiern in Kontakt, die auch hier das wiederholten, was ich in Pladjoe und Balik Papan so oft hören musste: Ich wollte, die Holländer wären wieder da!

Die Zeit versüßte mir ein bildschönes Mädchen, eine Ambonesin mit langen gelockten schwarzen Haaren, von Haus aus eine eigene indonesische Volksgruppe mit durchwegs einem sehr schönen und stolzen Menschenschlag, zu vergleichen mit den Polynesiern. Sie sind keiner anderen ethnischen Gruppe Indonesiens zugehörig und sind oder besser waren sehr verbunden mit den Niederlanden und seinem Königshaus. Vor der Verselbstständigung Indonesiens hatte die niederländische Regierung den Ambonesen aufgrund ihrer Königstreue (sie stellten zum Beispiel einen Großteil der Kolonialarmee) die eigene Unabhängigkeit garantiert, aber leider wurde das Versprechen nicht eingehalten. Die Ambonesen haben das ihrer einstigen Schutzmacht nie mehr verziehen. Es ist naheliegend, dass die Indonesier nach der Unabhängigkeit Rache übten.

Miss Pattipeilohy, ihren Vornamen habe ich vergessen, der wird aber genauso schön gewesen sein wie sie selbst und ihr Name, war Ground Stewardess bei der KLM am nahebei gelegenen Flughafen Kemajoran. Unser Briefkontakt dauerte 2 ganze Jahre, dann war aus unerfindlichen Gründen Schluss. Wie das halt so geht bei Fernbeziehungen. Ihren Nachnamen habe ich der Schwierigkeit wegen behalten.

Sieben Tage später übersiedelte ich der miserablen Unterbringung wegen aufdie „Oranje", die inzwischen angekommen war. Es konnte schlechter nicht werden. Schon bei der Begrüßung fiel ich meinem Chef unangenehm auf, weil ich wissen wollte, ob die armen Fische in seinem Aquarium nicht seekrank würden. Er fand die Frage unpassend, aber wenn man sich ernsthaft damit befasst, dann ist sie gar nicht so abwegig. Finde ich wenigstens, auch heute noch. Aber man kann es nicht allen Menschen recht machen. Einer späteren wissenschaftlichen Veröffentlichung zufolge können Aquariumfische tatsächlich seekrank werden. War also meine „dumme" Frage doch nicht so abwegig…

Eines Tages baute mein Chef - fragen Sie mich nicht nach seinem Namen – an Deck eine überdimensionale Lautsprecheranlage auf. Den Zweck sollte ich später erfahren, denn ich hütete mich, ihn wieder mit einer seiner Meinung nach dummen Frage zu frustrieren. Des Rätsels Lösung ließ nicht lange auf sich warten: Bei einem internationalen Fußballländerspiel werden bekanntlich die Nationalhymnen der teilnehmenden Länder abgespielt. Der Text lautet (übersetzt): „Wilhelmus van Nassaue, bin ich von deutschem Blut". In den holländischen Liederbüchern steht bei „deutschem" ein Sternchen, das auf eine Fußnote verweist, die besagt: „deutsch = niederländisch". Damit scheint ja dann jedes eventuelle Missverständnis geklärt. Beim Singen der entsprechenden Passage verschluckt der Holländer gern das „deutsche" und brabbelt dann etwas Unverständliches, um nicht aus der Kadenz zu kommen.

Jedenfalls drehte er beim holländischen Volkslied die Lautsprecher auf volle Leistung. Sie waren mit einem trichterförmigen Verstärker auf das Einheimischenviertel, dem Kampong, von Tandjong Priok gerichtet. Es wunderte mich heute noch, dass die indonesischen Behörden das so einfach und halbherzig hinnahmen und z.B. das Schiff nicht beschlagnahmten, denn sie waren auch sonst nicht so zimperlich. Leute vom Schiff, die sich zu dem Zeitpunkt im Kampong aufhielten, berichteten, dass schlagartig das ganze Leben erstarrte und die Einheimischen wie angewurzelt stehenblieben und manche sogar ihren Tränen freien Lauf ließen. Sie hörten zum ersten Mal seitacht Jahren in der Öffentlichkeit wieder „ihre" Nationalhymne. In dem Moment fühlten sie sich alle wieder dem alten Mutterland zugehörig und alle Ressentiments waren für den Augenblick vergessen. Da läuft's einem kalt den Rücken runter.

Der Tag der Abreise war endlich angebrochen und ich stand an der Reling, als sich ein junges, außerordentlich hübsches Mädchen von 13 Jahren (!) mit langen blonden Haaren zu mir gesellte. Ich war zutiefst versunken in meinen Abschiedsträumen. Es war mir damals schon klar, dass ich mein Geburtsland nie mehr wiedersehen würde. Da schlug der Blitz bei mir ein: Norma war an Bord und sie stand neben mir, dort, wo sie gar nicht hindurfte! Ihre Eltern kehrten, wie so viele andere Holländer, Indonesien den Rücken, da die Lebensumstände den ehemaligen Kolonialherren langsam unerträglich gemacht wurden. Lieber ließ die indonesische Regierung ihr eigenes Land im Chaos versinken, als von den erfahrenen Holländern Hilfe zu akzeptieren und von ihnen zu lernen, denn ihr Wissensstand war weit unter Peil. Damit wäre allen Parteien gedient gewesen und es hätte vor allem für Indonesien ein fließender Übergang stattgefundenen, der keine bleibenden Wunden gerissen hätte. Die Holländer vertrieb man, andere unerfahrene Europäer holte man stattdessen ins Land. So nahm man lieber die immensen wirtschaftlichen Schäden billigend in Kauf. Bei den Franzosen hat es geklappt, zumindest in Afrika. 

Fortsetzung folgt

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