"Ernesto, der Seebär – Vom Tretauto zum Schlachtschiff" Erinnerungen des 90-jährigen Dießener Ernesto Rudolf Hofmann. Auf Java geboren, landet er auf seine alten Tage am Ammersee. Ein autobiographischer Roman eines bewegten Lebens: Folge 3

Ernesto Rudolf Hofmann in Matrosenuniform wie so viele Kinder in dieser Zeit. Foto: Ernesto Rudolf Hofmann
Unser Vater war mittlerweile mit 54 Jahren pensioniert, da seine Tropenjahre doppelt angerechnet wurden. Bevor er für kurze Zeit nach Holland musste, um seine Pensionsangelegenheiten zu regeln, feierten wir noch ein wunderbares Nikolausfest. Ich bekam ein riesiges Modellauto mit leuchtenden Scheinwerfern aus einer Flachbatterie, eine krabbelnde Puppe zum Aufziehen und eine Bergbahn, die ich auch nachher nie mehr gesehen habe. Es war ein Wunder der Technik. Man stelle sich ein Dreieck vor: Unten fuhr die kleine Lok, hob mit ihrer Stirnseite die bergwärts führende Zahnradschiene hoch, die hinter ihr wieder herunterfiel. Sie fuhr dann gegen einen Prellbock, der die Richtung umschaltete und anschließend fuhr sie die Zahnradschiene, unter der sie gerade durchgefahren war, langsam hoch. Oben am Kipppunkt raste sie hinunter gegen den gegenüberliegenden Prellbock, der ihre Richtung wieder umschaltete. Inzwischen hatte eine Feder die talwärts führende Schiene hochgezogen, unter der die Lok dann wieder in die obige Richtung fuhr. Und das dauerte, bis das Uhrwerk der Lok zu Ende war. Es war faszinierend, zuzuschauen. So etwas hätte ich heute gern nochmal. So, wie den Zeppelin aus Metall, ich schätze, er war so an die 50 Zentimeter lang. Er wurde angetrieben durch 4 Propeller, die das Ding, an der Plafondlampe hängend, seine Runden durchs Zimmer drehen ließ. Eines Nachts wurde ich schreiend und schweißgebadet wach und schrie: Der Zeppelin brennt, der Zeppelin brennt! Meine Mutter versuchte, mich zu beruhigen: Du hast geträumt! Ich habe nicht geträumt. Es war bittere Wahrheit. Die „Hindenburg" war in derselben Nacht in Lakehurst abgestürzt.

Unser Vater schrieb aus Holland sehr viele Postkarten und berichtete über seine dortigen Erlebnisse. Er kam am 18. Dezember wieder zurück nach Hause und ging dann mit meiner Schwester noch in die Humperdinck-Oper "Hänsel und Gretel" im Prinzregententheater, direkt hinter unserer Wohnung. Im Garten eines Indien-Kollegen und -Freundes namens May in der Maria Theresia Straße hatte er sich aber tags zuvor schwer erkältet, als sie sich ohne Jackett, nur im Hemd, wie sie das aus dem Tropenland gewohnt waren, im Garten in einem sonnigen Eckchen zusammensitzend unterhielten.

Am 23. Dezember, ein paar Tage später, starb unser Vater im Krankenhaus Rechts der Isar an einer doppelseitigen Lungenentzündung. Penicillin gab es damals noch nicht und unsere Mutter, gerademal 33 Jahre alt, stand da mit uns 4 und 14 Jahre alten Kindern. Ich vermisste meinen Vater sehr. Immer wieder fragte ich nach ihm. Irgendwann sagte mir meine Mutter, er ist jetzt im Himmel beim Lieben Gott. Ab dem Moment hatte ich meine Ruhe und fand mich damit ab, denn ich wusste, es geht ihm auf jeden Fall gut.

Mein Vater war die Güte selbst. Ein ewiger Student, wie es um die Jahrtausendwende bei begüterten Eltern usus war. Er war ehrlich, geradeaus, unbestechlich, heimatverbunden, durch und durch ein Spaßvogel, königstreu, zuverlässig, herzensgut, Familienvater, Offizier, ein guter Kumpel, kurzum: alles, was einen rechtschaffenen, vorbildhaften Mann und Vater ausmacht. Er starb am 23. Dezember 1934 an doppelseitiger Lungenentzündung nach nur drei Tagen – heutzutage unvorstellbar.
Meine Mutter war in München eine anerkannte Schönheit, wie aus dem Foto der dreißiger Jahre hervorgeht. Die Männer rissen sich um ihre Gunst, aber sie waren chancenlos. Sie wollte nach ihrer glücklichen Ehe, die nur 14 Jahre dauerte, nicht noch einmal heiraten, es konnte nur schlechter werden. Ihr Argument war, dass sie es nicht ertragen hätte können, wenn ein Neuhinzugekommener ihr Kind verhaut (berechtigter- oder unberechtigterweise.
Anm. d. Verf.: meist ersteres).
Ostern stand vor der Tür. Der Osterhase hatte körbeweise Leckereien angeschleppt, vor allem Schokolade. Wohlweislich hatte unsere Mutter diese Sachen, hauptsächlich vor mir, versteckt, bis ich eines Tages das Versteck herausfand. Es war ausgerechnet in dem großen Schrank im Schlafzimmer, wo ich, oh Graus, jedes Mal mein Pflicht-Mittagsschläfchen zu absolvieren hatte und zu dem ich nie Lust hatte. Wen wundert's, wenn man da auf falsche Gedanken kommt? Eines Tages wurde ich dann in ein anderes Zimmer zwangsverlegt, nachdem ich das Versteck ausfindig gemacht hatte, den Osterhasenbestand drastisch dezimiert und mich anschließend ganz fürchterlich übergeben hatte. Osterhasen hätte ich mit oder ohne Zwangsverlegung so und so nicht mehr angerührt...

Es folgte alsbald der Umzug an den Herkomerplatz, Ismaningerstraße 156, wovon noch heute das Hausnummernschild zeugt, das ich nach 50 Jahren dort gewohnt zu haben, heute doch als mein rechtmäßiges Eigentum betrachte. An dort habe ich die meisten Erinnerungen aus meiner frühen Kindheit, unter anderem an Weihnachten. Dem Dezember sah ich jeweils mit bangen Gefühlen entgegen. War das erste Grauen, das man das Nikolaus"fest" nennt, erst mal vorbei, konnte es nur noch besser werden.

Ende Oktober, Anfang November drohte ich immer das bravste Kind der Welt zu werden. Stand doch bald der Nikolaus mit seinem Knecht Ruprecht, in Bayern auch Krampus genannt, vor der Tür. Die Bezeichnung drückt ja schon die Bedrohlichkeit aus.

Letzterer war ein dermaßen Furcht einflößender Geselle, dass ich einmal meine Schwester anflehte, mich doch bitte in einer Kommodenschublade zu verstecken. Ich passte genau hinein. Sie erfüllte meinen Wunsch und als der Nikolaus kam, war ich verschwunden. Wenn meine Schwester in dem Moment gestorben wäre, hätte man irgendwann nach 150 oder 200 Jahren beim Verkauf dieser Kommode eine nicht mehr identifizierbare Kinderleiche mit erhöhtem Adrenalinspiegel gefunden, dessen Ursache ungeklärt bleiben sollte. Aber glücklicherweise blieb sie mir damals erhalten.

Der Krampus hatte einen für mein damaliges Empfinden riesigen Sack dabei, wo ich gut zweimal hineinpasste, sowie eine Rute und eine schwere, rasselnde Kette.

Dabei hatte meine Mutter schon den Kosten-Nutzen-Effekt klar abgewogen. Der Nutzen sollte darin bestehen, dass ich – obwohl die Aussicht darauf nicht sehr rosig aussah – zukünftig ein gutes Kind sein werde. Der Kosteneffekt wären die vielen Dellen der Kette im Parkettboden gewesen, denen aber meine Mutter weniger Bedeutung beimaß.

Schlotternd vor Angst (vor Angst, mich versteckt zu haben oder vor dem Krampus, weiß ich nicht) verriet meine Schwester das Versteck und nun musste ich mich, ebenfalls schlotternd, dem Hohen Gericht stellen. Ich wunderte mich zwar immer, woher der Nikolaus mein umfangreiches Sündenregister immer so exakt kannte.

Eines Tages aber zog der ganze Zirkus nicht mehr, als ich oben auf dem Küchenschrank ein Buch liegen sah, das mir irgendwie bekannt vorkam. Ein Stuhl erleichterte mir den Aufstieg zum …
Kochbuch meiner Mutter, dem fein säuberlich mein letztes Sündenregister beilag.

Da konnte sich der Krampus nächstes Jahr noch so anstrengen, mir Furcht einzuflößen, es zog nicht mehr. Da konnte ich Herrn „Zwetschgerl" von Haindl, so genannt wegen seines verkrumpelten Gesichtes, das er aber perfekt zu kaschieren vermochte, und Kollege meines damals schon verstorbenen Vaters, nur noch herzlich auslachen, weil ich bis dahin mein Geheimnis für mich behalten hatte. Der Schreck bei den Erwachsenen saß tief. Das war meine Rache! - Wer dagegen der gütige Nikolaus war, weiß ich bis heute nicht.

Fortsetzung folgt

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