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"Ernesto, der Seebär – Vom Tretauto zum Schlachtschiff" Fortsetzungsroman eines bewegten Lebens. Folge 57

Ernesto Rudolf Hofmann ist der Seebär. Graphik: aloys.news

Folge 57

In Erwartung eines Liegeplatzes in Abadan lagen wir vor Anker im Shatt el Arab, dem Grenzfluss zwischen dem damaligen Kaiserreich Persien (Schah Pahlevi) und dem Königreich Irak (König Feisal). In der Nacht gab es helle Aufregung und der Kapitän feuerte mit seiner Pistole von der Brücke in Richtung schemenhafter Figuren, die Lacke und sonstiges Material aus dem Kabelgatt der „Leopoldskerk" klauen wollten. Das hätte er besser nicht getan und zeugt von der grenzenlosen Dummheit dieses Menschen. Jedenfalls hechteten diese Typen über Bord und verschwanden in der Dunkelheit. Ob er jemand getroffen hat, weiß man nicht. Die Folgen dieser Schießerei sollten sich erst später herausstellen. Die Spüraktion gestaltete sich als unmöglich, da beide Seiten behaupteten, die andere sei es gewesen. Das hätte auch Leenders wissen müssen.

Wir verholten später ein Stück flussaufwärts Richtung Basrah, wo wir ebenfalls im Strom ankerten. In Basrah konnte man, wie in Abadan, noch ungestört an Land gehen und die Schulmädchen tanzten ausgelassen durch die Straßen.

Es kam der Moment, dass wir zurück nach Abadan mussten und wir ankerten wieder an derselben Stelle wie vorher. Nachts wurde ich durch wildes Schlagen auf meine Kabinentür aus dem Schlaf gerissen. Was war um gotteswillen passiert?

Unser zweiter Steuermann, bei uns an Bord durch seine immerwährende Freundlichkeit sehr beliebt, wurde während seiner nächtlichen Runde an Deck von hinten angegriffen. Er hörte hinter sich ein verdächtiges Geräusch und drehte sich um. Das war seine Rettung, oder wie man es sonst aus heutiger Sicht sehen mag. Normalerweise wäre ihm die Kehle durchgeschnitten worden, jetzt ging das Messer in seine Halswirbel und durchschnitt den Nervenstrang. Er sollte lebenslang querschnittsgelähmt bleiben. Es wurde nun versucht, eines unserer Motorrettungsboote zu Wasser zu lassen, aber das letzte Mal, dass der Kiel Wasser geschmeckt hatte, war lang her. Das Boot sank noch in den Takeln genauso schnell, wie es ins Wasser tauchte. Die Nähte waren alle durch die Hitze verzogen und leck. Das Boot wurde also wieder eingeschwenkt und guter Rat war teuer.

Das war der Moment, wo man mich aus dem Bett trommelte. Da der Gebrauch der Funkstation innerhalb der beiden Hoheitsgewässer strengstens untersagt war, holte ich mir diese Erlaubnis mit der Klappbüchs (einer überdimensionalen Morselampe mit einer Brennweite von 50 cm, die noch aus dem Krieg stammte; wenigstens funktionierte die) bei der nahegelegenen Signalstation. Ich machte den gesamten Persischen Golf rebellisch (und bekam sogar Antwort aus dem westlichen Mittelmeer), ob jemand ärztliche Hilfe leisten konnte, entweder per Schnellboot oder per Helicopter. Wir lagen ja völlig isoliert mitten in der Dunkelheit und keine Hilfe in Sicht. Schließlich schickte die Marine aus Abadan ein Motorboot, mit dem unser zweiter Steuermann ins dortige Krankenhaus gebracht wurde. Was weiter aus ihm geworden ist, ich weiß es nicht. Wir verließen Hartha Point auf dem schnellsten Weg in Richtung Mombasa.

Es ist naheliegend, dass die Banditen von damals Rache genommen haben. Wer weiß,
ob jemand von denen getroffen wurde. Nur haben sie mit dem Steuermann den Falschen erwischt. Die Kerle kletterten in der Dunkelheit an Deck, ließen den Matrosen vorn am Bug schlafen und wählten gezielt einen Offizier der Besatzung. Wenn man sich das vorstellt, es hätte genauso gut ein anderer sein können. Der Kapitän war aus dem Schneider und verfasste anschließend ein Protokoll, in dem er sich rechtfertigte und seine Schilderung über den Vorfall zum Besten gab, die geradezu strotzte vor Lügen und Unwahrheiten. Ich wusste besser Bescheid, denn ich leitete den Funkverkehr, den ich minutiös festgehalten habe. Anschließend hatte ich dann aber sein Protokoll zu tippen, das ich bis heute aufbewahrt habe. Von meinem Radio-Logbuch wurde kein Wort übernommen. Beide Dokumente waren gegensätzlicher, wie sie konträrer nicht hätten sein können. Befragt worden wurde ich deswegen nie.

Es gibt aber eine ausgleichende Gerechtigkeit und jetzt kommen wir zu dem einzigen Lacher, der sich während dieser ganzen Reise ereignen sollte, und auf den Sie jetzt schon so lange gewartet haben.

Wir lagen irgendwo im Persischen Golf vor Anker, als wieder einmal unser Radar ausfiel. Gefundenes Fressen für mich, mich mit meinem Lieblingsnavigationsgerät wiedermal eingehend zu befassen. Mittendrin platzt der Kapitän herein und fragt: „Na, wie steht's und wann ist das Ding endlich fertig?" Dümmere Fragen kann ein dummer Mensch kaum stellen. Ich zeigte ihm den Verlauf meiner Reparatur. Dazu war ein Teil des Gerätes nach vorn heraus geklappt, wobei man sich hüten musste vor zwei Röhren (alle Elektronikgeräte waren damals noch Röhrengeräte, also ziemlich voluminös). Oberhalb der beiden Röhren befand sich eine Spule, auf der eine Spannung von 40.000 Volt stand, jedoch nur 3 Milliampere, also bei Berührung nicht tödlich, nur enorm schmerzhaft, wenn man eine gewischt bekommt. Man weiß nicht, was einem geschieht.

Zum Zeitpunkt der Reparatur war dieses Teil heraus geklappt, stand also mitten im Raum. Nur war der Platz dazwischen, also zwischen dieser Spule und dem Kartentisch dahinter, nicht besonders üppig, lediglich nur gute 50 Zentimeter. Ich wusste das und hütete mich vor einer Berührung, denn ich hatte schon mal eine gewischt bekommen. Wir trugen im Golf Tropenuniform, das hieß in diesem Fall: kurze Hose. Großmaul, mit extrem kurzer Hose, kam und berührte mit seinem nackten Hintern diese Spule. In meinem Leben habe ich noch nie jemanden so springen sehen wie den Alten. Was macht ein Zuschauer, wenn jemand über eine Bananenschale ausrutscht? Richtig. Was macht jemand, der erlebt, wie ein anderer 40.000 Volt durch den Hintern gejagt bekommt? Richtig. Das geht ohne böse Absicht, nur die unterstellte der Alte mir. Zum Glück waren wir Beide allein auf der Brücke, es gab also keine Zuschauer und so lief die Sache glimpflich für mich ab und er fühlte sich nicht blamiert.

Ein anderes Mal war das Radar wieder kaputt. Mein Vorgänger nahm fleißig Zugriff auf die damals noch vorhandenen Ersatzteile und als ich ein bestimmtes Teil brauchte, war es nicht mehr vorrätig. Das machte, zurück von der Reise, richtig Ärger. Nicht für mich. Es war ein Pfennigartikel: ein Widerstand von 750 Ohm und drei Watt. Ein Rundruf an alle Schiffe im Golf verlief negativ. Niemand hatte so ein Teil. Dann kam mir eine Erleuchtung: Wir hatten doch ein einziges Bügeleisen an Bord, das der Chefsteward hütete wie seinen Augapfel. Ein Bügeleisen hat, wenn es funktioniert, die physikalische Eigenschaft, beim Einschalten heiß zu werden. Und wer schon einmal ein Bügeleisen zerlegt hat, weiß, dass sich im Inneren eine von einem Glühdraht umwickelte Asbestplatte befindet. Genau das, was ich brauchte. Ich ging also ganz scheinheilig zum Gralshüter und begehrte das Bügeleisen. Anscheinend roch er Lunte, was ich vorhatte und sagte: Es kostet dich deinen Kopf, wenn das Ding kaputt ist.

Mit dem Bügeleisen unter dem Arm ging ich auf die Brücke, zerlegte das Bügeleisen, zerschnitt den Hitzedraht und wickelte ein Stück ab, bis mein Ohmmeter 750 Ohm anzeigte. Die Wattzahl interessierte mich weniger. So, ich hatte wenigstens das Teil, das ich brauchte und das Radar funktionierte wieder. Jetzt kann man nicht hergehen und die beiden Drahtenden im Bügeleisen wieder zusammen löten, das hält kein Lötzinn mit niedrigem Schmelzpunkt aus. Mit anderen Worten: Das Bügeleisen hatte nur noch Schrottwert. Verständlich, dass ich mich nicht mehr zum Steward traute. Ich wollte nicht riskieren, dass er seine Drohung wahr macht.

Deshalb führte mich mein nächster Weg zum Alten und sagte, mit den Schrottteilen in der Hand,: Herr Kapitän, Sie legen doch immer großen Wert auf eine zuverlässige Navigation? Er entgegnete das einzig Richtige: Was fragen Sie so dumm? Ich sagte ihm, dass ich das einzige Bügeleisen an Bord zerlegt hatte, dafür aber das Radar wieder geht. Er sagte: Geben Sie den Schrott her, ich regle das schon mit dem Steward. Das Unheil hatte er mir zwar abgewendet, aber der Steward schaute mich während der ganzen Reise nicht mehr an. Und das ist schlimm, denn er ist ein wichtiger Mann. Er hat etwas mit Essen zu tun.

Fortsetzung folgt

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