Dießen – Früher hatte man noch Termine, heute hat man Deadlines. Man traf sich mal zum Reden, jetzt zum Meeting. Und wer früher einfach mal überlegte, ob er Lust auf etwas hat, der fragt sich heute ernsthaft, ob er sich dazu committen kann. Willkommen im Zeitalter des Denglisch, wo man längst nicht mehr Deutsch spricht, sondern eine Art sprachliche Mischkost – halb Oxford, halb Oberbayern.
Da wird gechattet, connected und gecallt, dass es nur so rauscht. Man kämpft mit seinem inneren Struggle, fühlt sich random schlecht gelaunt und denkt beim Bäcker darüber nach, ob man sich gleich einen Coffee to go gönnt, weil man später sowieso wieder on the road ist. Und wehe, jemand sagt einfach „Kaffee zum Mitnehmen" – das klingt ja fast verdächtig provinziell.
Besonders beliebt sind die englischen Verben, die im Deutschen so herrlich verformt werden: Ich hab' mich da total reingechillt, wir müssen uns mal updaten, das hab ich voll gefeedbackt. Das Schöne am Denglisch ist ja seine grenzenlose Elastizität: Man kann jedes englische Wort nehmen, eine deutsche Endung dranschrauben – und schwupps, es klingt modern, kompetent und ein bisschen nach Start-up.
Und doch bleibt da ein Rest von Ratlosigkeit. Warum sagen wir nicht einfach, was wir meinen? Warum müssen wir uns committen, wenn es „entschließen" auch täte? Warum connecten, wenn „verbinden" doch das schönere Wort ist? Vielleicht, weil das Englische so praktisch unpräzise ist: Es klingt nach Fortschritt, ohne sich wirklich festzulegen. Wer sich committet, hat zwar etwas zugesagt – aber so richtig verbindlich klingt's nicht.
Manchmal hat man den Eindruck, das Denglisch sei die wahre Weltsprache der Unsicherheit. Es passt zu unserer Zeit, in der niemand mehr etwas genau weiß, aber alle furchtbar busy sind. „Ich struggle gerade total mit meiner Work-Life-Balance", sagt jemand – und jeder nickt verständnisvoll. Auf Deutsch würde das heißen: „Ich komm' grad nicht klar" – aber das wäre ja zu ehrlich.
Und natürlich ist Denglisch auch eine Frage des Alters. Junge Menschen crushen auf andere, finden Dinge weird oder wholesome – und Erwachsene versuchen verzweifelt, das zu checken. Wer da mithalten will, braucht keinen Sprachkurs, sondern einen Social-Media-Übersetzer.
Vielleicht sollten wir uns einfach entspannen – oder, wie man heute sagt, chillen. Sprache lebt, wandelt sich, mixt, experimentiert. Aber ein bisschen schade ist es schon: dass man in Deutschland kaum mehr reden kann, ohne zu talken.
Und doch, Hand aufs Herz: Wenn wir uns darüber aufregen, dass die Sprache „verhunzt" wird – dann strugglen wir doch nur mit dem Wandel. Vielleicht sollten wir's einfach embracen.
Oder, um's auf gut Deutsch zu sagen: Damit leben.
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