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„Prävention ist ein Türöffner“ Bianca Karlstetter, Beraterin der SOS-Fachstelle zu sexualisierter Gewalt in Landsberg im Interview

Bianca Karlstetter, Fachberaterin der SOS-Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt in Landsberg, setzt auf Prävention Foto: Gertrud Halas

Wie sieht die Situation in Bezug auf sexualisierter Gewalt in Deutschland aus?

Bianca Karlstetter: Im Jahr 2021 stiegen die Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland um 6,3 % auf über 15.500 Fälle. Ein Anstieg um 108,8 % auf über 39.000 Fälle gab es bei den Missbrauchsdarstellungen. Das sind Zahlen aus einer aktuellen Pressemitteilung der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauches Kerstin Claus und des Präsidenten des Bundeskriminalamtes Holger Münch.
Auch in unserer Fachstelle in Landsberg gibt es eine Zunahme an Fällen: Im Jahr 2021 wurde die Fachstelle bei 59 (Verdachts-)Fällen von sexuellen Übergriffen oder sexualisierter Gewalt angefragt. 2016/17 waren es noch 27. Das heißt aber nicht unbedingt, dass die Zahl der Gewalttaten immer weiter steigt, sondern dass die Vernetzungsarbeit Wirkung zeigt und unsere Fachstelle immer bekannter und damit zugänglicher wird. Es entsteht langsam ein größeres Bewusstsein gegenüber sexualisierter Gewalt. Jedoch muss dieses Bewusstsein noch größer werden – sowohl bei Fachkräften als auch bei Kindern, Jugendlichen und Eltern.

Was heißt das genau?
Bianca Karlstetter: Sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen findet größtenteils im nahen sozialen Umfeld statt. Bei innerfamiliären Übergriffen ist es besonders schwer, die Kinder zu erreichen und zu schützen. Allein die Beziehungskonstellation zum Täter oder zur Täterin, die große Ambivalenz zum sexuell übergriffigen Elternteil sowie die Angst, dass einem nicht geglaubt wird, schafft eine extrem hohe Hemmschwelle, sich anzuvertrauen.


Gerade jüngere Kinder, denen sexuelle Grenzverletzungen widerfahren oder die sexueller Gewalt ausgesetzt sind, können dies meist nicht einordnen. Bei ihnen muss man präsent sein. Das heißt, sie über ihre Rechte aufzuklären und sie darin zu bestärken, diese einzufordern. Es ist wichtig, dass sie Vertrauenspersonen haben. Sie müssen wissen, wie und wo man sich an diese wenden kann. 



Wie erreicht man Jugendliche?
Bianca Karlstetter: Für Jugendliche ist unter anderem das Thema „Sexting" brisant. Auf unterschiedlichen Social-Media-Kanälen versenden sie Fotos, auf denen sie leicht bekleidet, nackt oder in besonderen Posen zu sehen sind. Anfangs vielleicht noch einvernehmlich, kann die Situation schnell kippen. Es kann dazu kommen, dass man gedrängt wird, immer mehr Fotos zu schicken, sonst werden etwa vorhandene öffentlich gemacht. Oder man erhält Bilder oder Videos, die man selbst gar nicht sehen möchte. Hier müssen Grenzen genau definiert werden. Wie empfindet mein Gegenüber mein Verhalten? Wo sind meine eigenen Grenzen? Aber auch: Was passiert mit den Bildern, die ich weiterschicke? Ab wann sind wir im strafrechtlichen Bereich? Was kann ich tun, wenn ich solche Bilder oder Videos geschickt bekomme oder dazu gedrängt werde, selbst welche zu senden? Auch für solche Fragen muss man sensibilisieren. 


Wer wendet sich an Sie?


Bianca Karlstetter: An mich wenden sich sowohl Betroffene als auch Vertrauenspersonen aus ihrem sozialen Umfeld. Manchmal haben sie nur ein Bauchgefühl – aber es ist wichtig, dieses ernst zu nehmen. 
Je nach individueller Situation berate und begleite ich sowohl die Betroffenen, als auch deren Angehörige, die ebenfalls Unterstützung brauchen. Einerseits biete ich eine längerfristige traumapädagogische Begleitung zur Stabilisierung, andererseits erläutere ich zum Beispiel, wie man Strafanzeige stellen kann, was nach einer Strafanzeige passiert etc. Ich stehe meinen KlientInnen auch vor Gericht bei; es kann sehr aufwühlend und belastend sein, wenn traumatische Erlebnisse wieder ans Licht gebracht werden.
Insgesamt wenden sich zwar immer mehr Jugendliche an mich, trotzdem müsste die Präventionsarbeit etwa an Schulen weiter ausgebaut werden. Denn die Dunkelziffer im Bereich sexualisierter Gewalt ist hoch! Prävention ist ein Türöffner: Je mehr aufgeklärt wird, desto mehr Hinweise erhält man.


Was verstehen Sie unter Prävention?


Bianca Karlstetter: Ich berate und unterstütze Kindergärten, Schulen, pädagogische Einrichtungen, Vereine, Jugendgruppen, auch im ehrenamtlichen Bereich. Gemeinsam mit den Verantwortlichen erarbeite ich ein präventives Schutzkonzept und begleite auch bei konkreten Schutzmaßnahmen. Zusätzlich biete ich aber auch an, pädagogische Fachkräfte oder interessierte Eltern in Workshops oder Fortbildungen weiterzubilden – zum Beispiel im Hinblick auf Täterstrategien, darauf aufbauende „Gegenstrategien" sowie eine präventive Erziehungshaltung. 
Der Bedarf notwendiger Prävention ist hoch. Zwar bin ich gut vernetzt mit Kindergärten, Schulen, Jugendsozialarbeitern, Therapeuten, Gerichten, der Polizei und anderen Kooperationspartnern. Aber als einzige Mitarbeiterin der Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt in Landsberg in einem Teilzeit-Arbeitsverhältnis kann ich diesen Bedarf gar nicht adäquat decken.

Was können beispielsweise Eltern konkret tun?


Bianca Karlstetter: Neben der Aufklärung ihrer Kinder und der eigenen Sensibilisierung zum Thema ist natürlich auch das Modellverhalten wichtig: Wie lebe ich selbst als Vorbild das Einhalten von Grenzen? Wie kann ich ein gutes Gefühl für Grenzen und für die eigenen Rechte stärken? Ein grenzenachtendes Erziehungsverhalten ohne Gewalt ist wichtig für die Entwicklung jedes Kindes. 


Hierbei sollten Eltern und Kinder schon früh unterstützt werden. Wir müssen schon in Kindergärten und Schulen regelmäßige Workshops zur sexuellen Bildung und eine kontinuierliche Sensibilisierung und Wissensvermittlung zum Thema sexualisierte Gewalt etablieren – sowohl auf der Ebene der Erwachsenen als auch direkt mit den Mädchen und Jungen. Dadurch können Fälle sexueller Gewalt eher verhindert und bestehende sexuelle Übergriffe schneller beendet werden.

Die Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt des Familien- und Beratungszentrum Landsberg am Lech des SOS-Kinderdorfes Ammersee-Lech in Kooperation mit dem Landratsamt Landsberg ist die einzige Fachberatungsstelle des Landkreises. Seit 1. Oktober 2016 werden Betroffene von sexualisierter Gewalt im Kindes-, Jugend- und jungen Erwachsenenalter beraten. Die Arbeit der Fachstelle umfasst u.a. Beratung, Begleitung und Unterstützung von Betroffenen, Krisenintervention und Stabilisierung bei einschlägigen traumatischen Erlebnissen, Telefonberatung und Videoberatung sowie Beratung von pädagogischen Fachkräften.
Des Weiteren gibt es präventive Angebote wie Vorträge für Eltern, pädagogische Fachkräfte und Jugendhilfeeinrichtungen, Unterstützung bei der Entwicklung von Schutzkonzepten etwa in Sportvereinen und aktive Mitarbeit in Arbeitskreisen.


Anmelden kann man sich telefonisch von Montag bis Freitag von 8 bis 12 Uhr und von 13 bis 17 Uhr unter 08191 91189-0. Bei der Anmeldung wird ein Termin zu einem ersten Beratungsgespräch vereinbart – nach Möglichkeit innerhalb von zwei Wochen.
 Die Diplom-Sozialpädagogin und zertifizierte Trauma-Pädagogin Bianca Karlstetter ist Beraterin in der Fachstelle und wird dabei von Maria Stock, Leitung der SOS-Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Familien in Landsberg, unterstützt.
Den aktuell erschienenen Tätigkeitsbericht der SOS-Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt finden Sie unter: https://www.sos-kinderdorf.de/kinderdorf-ammersee-lech/angebote/fachstelle-gegen-sexualisierte-gewalt

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