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Tiefenökologie: Der weitere Blick – Artenschutz – Schutz nur der eigenen Art? – oder: Wem gehört die Natur? Gastbeitrag von Dr. Peter Erlenwein für aloys.news

Dr. Peter Erlenwein aus Dießen beschäftigt sich in unregelmäßiger Folge mit Theman wie Nachhaltigkeit und Ökologie. Archivfoto: aloys.news

Dießen – Vor zwei Jahren kam dem Autor eine GEO-Ausgabe in die Quere, genauer gesagt der Titel: „Warum wir Natur brauchen". Eine seltsame Überschrift. Natur brauchen? War doch schon immer da, oder? Und wir Menschen, die wir seit gerade mal 250.000 Jahren dabei sind, sind was?, ach so, homo sapiens, also weise Wesen, die offenkundig einer ganz anderen Spezies angehören? Einer höheren, natürlich!, die denen da unten am Stamm der Evolution etwas mehr Achtung schenkt, damit's ihr besser geht und wir sie wieder besser ge/ver-brauchen können. Welcher Großmut oder besser Hochmut, aus dem Hause GEO. Sind nicht auch wir Teil und Glied einer keineswegs abgeschlossenen Schöpfung?

Rolle rückwärts: Ende 50iger Jahre begann die Tierschutzbewegung. Die humane Verwaltung von Haus-Zucht/Nutz- und Importtierenstand auf ihrem Programm. Man erkannte Wesen wie Schweine, Hunde, Katzen etc. ein ‚artgerechtes Leben' zu ( mindestens in der Theorie). Mit anderen Worten, statt verwertbarer Dinge sah man lebendige, sprich empfindende Lebewesen, die aber weiterhin zu vielerlei (auch hoch-problematischem) Gebrauch ( Stichwort Forschung /Legebatterien) freigegeben waren. Damit war man dem biblischen Sprachgebrauch von der „guten" Schöpfung wieder etwas näher gerückt, wenn man bedenkt, dass der große Philosoph Descartes im frühen 17. Jahrhundert Tiere als Automaten zu kategorisieren pflegte.

Schon ein Jahrzehnt später in den 1960iger Jahren erhob sich die nächste Woge des Erwachens.Das Buch „Der stumme Frühling"(„Silent Spring") der Amerikanerin Rachel Carson brachte eine systemische Sicht ins Spiel: die Interaktion von kulturell-technischen Errungenschaften von homo sapiens und deren Auswirkungen auf die Natur. Monsanto ließ grüßen und damit das Artensterben dank des wisssenschaftlichen Fortschritts in Gestaltchemischer Sprühmittel für die Landwirtschaft. Aus Agent Orange, über Vietnams Wäldern abgesprüht, wurde alsbald durch das Spritzmittel Round up Round up, nun auf den Dorffeldern der ganzen Welt eingesetzt. Beides tödlich. Parallel zu dieser Entwicklung fand sich, drittes Erwachen, im spätkapitalistischen Zeitalter von Homo sapiens das eigene Artensterben: ganze Ethnien, Sprachen, Kulturen der ‚Anderen' (Indianer, Eingeborene- heute indigene Bevölkerungen genannt, verschwanden vom Erdboden. Und damit systemisch oder ökologisch gesprochen auch die Lebensräume der ganz Anderen: Tiere, Pflanzen, Gewässer…)- zugunsten von Asphalt, Beton, Häusern, Autos, Flugzeugen, Industrieansiedlungen und, – schon im Anzug Drohnen, Kameras..'The Digital World' läßt grüßen. Und die Natur? verkümmert taut, wird abgeholzt, vermüllt, versenkt. Doch die Antwort blieb nicht aus – seit den 90er Jahren allmählich registriert als Klimawandel. (Welch sanftmütiger Ausdruck).

Es wird heiß auf Erden,(wir nähern uns der vierten Stufe im Heute) die grüne Lunge raucht- auf der anderen Seite des Globus brennt der Amazonaswald. Der brasilianische Präsident spricht: „Mein Wald, da kommt keiner rein, brasilianisches Hoheitsgebiet". Soll es halt dort brennen. Gut für die Wirtschaft – neue Soja- und Grasflächen fürs Rindvieh zur Ernährung der europäischen Mäuler. Die Antwort des weißenMannes Macron: „Das geht nicht!, das Feuer betrifft uns alle". Hier legt der Autor eine kleine Pause ein: denn nun wird es sehr heiß. Die Frage lautet nicht: warum brauchen wir die Natur?, sie ist unsinnig – allein schon ohne bestimmte kleinste Bakterien in den Ozeanen, die Sauerstoff freisetzen, gäbe es kein menschliches Leben auf Erden. Die eigentliche Frage heißt: wem gehört sie? Brasilien, Europa oder? Allen? der Gattung homo sapiens? Oder, Achtung– sie (die Natur) sich selbst? Was soll das denn heißen? Solchermaßen empört betreten wir die hochsensible Sprenggürtelzone der narzistischen Kränkung von homo sapiens. Auf gut trumpisch: wenn ich Grönland nicht kaufen kann, können mich die Dänen sonstwo!

Während in Bolivien, Kalifornien und Brasilien die Wälder glühen, ging es bei der Weltmeereskonferenz in Bremen um das Thema Ozean, genauer: um Tiefseebergbau. Diverse Nationen haben schon ihre Claims in den Polarmeeren abgesteckt; die UNO versucht im letzten Moment die Bremse zu ziehen. Die Frage heißt wiederum: wem gehören die Meere und deren hochkarätigen Bodenschätze- irgendwelchen Anrainerstaaten, oder der Menschheit insgesamt? Spätestens hier klingelt der Satz von Professor Harald Lesch in aller Ohren: „Die Menschen (dazu gehören gerade auch die Politiker Peter Erlenwein) heute sind ziemlich überfordert mit all dem!" Ganz wahr, denn nun sind wir auf der Höhe einer globalen spirituellen ökologischen Perspektive. Und die lautet: Wir müssen beginnen, uns Rechte vorzustellen für andere Entitäten (heißt fürdie Gegebenheiten der Natur- Wald, Meer, Baum, Löwe, Sperling Peter Erlenwein).. und gleichzeitig die Rechte für den Menschen verringern! so Philipp Sanders Professor für Internationales Recht in England. Sein Satz geht ans Eingemachte; er löscht endgültig das Bild vom Menschen als ‚Krone der Schöpfung'. Und zwar im Namen der Wissenschaft! Deren Forschungsergebnisse zeigen inzwischen klipp und klar, dass die Welt der anderen Lebewesen auf diesem Planeten sich nicht nur bei Walen, Primaten und Schweinen durch hochkomplexe Intelligenz, Anpassungsfähigkeit und Lernbereitschaft (Nachhaltigkeit) teilweise seit Jahrmillionen auszeichnet. Die Aliens sind also mitten unter uns, der Mars hat dagegen nicht viel zu bieten.

Wem das alles zu bunt zu werden droht, sei daran erinnert, dass die kapitalitsche Wirtschaft seit Längerem in juristischen Angelegenheiten für Unternehmen das Wort „personhood" ins Spiel gebracht hat; heißt, dass ein solches als quasi juristisch legitimierte Person durch Fürsprecher vor Gericht auftreten kann! Warum sollte so etwas dann nicht umso mehr für lebendige Wesenheiten- ob Tier, Pflanze oder Ökotope gelten, dachte sich der kanadische Umweltschützer und Anwalt David Boyd und beschrieb erstmals in seinem Buch: ‚The Rights of Nature' die alles auf den Kopf stellende Grundfrage: Welche Rechte haben ein Fluß, ein Wald, ein Wolf?

Ging es vor 150 Jahren noch um die Menschenrechte für ‚coloured people', später um Frauenrechte, danach um Kinderrechte, schließlich um die Rechte von LGBTQ Menschen, wagt Boydden Sprung hin zur Frage nach den Eigenrechten des Ökosystems Erde als Ganzem, bei der indigenen Bevölkerung Südamerikas Pacha Mama genannt. Bis vor kurzem noch galt: Land in Sicht – Flagge hissen –Land und Leute als Eigentum reklamieren! Diese Freibeutersicht ist, in Bezug auf die Weltmeere z.B., ungebrochen. Die Titelstory des Magazins ‚Der Spiegel' lautete einst nicht von ungefähr: Sind wir noch zu retten? Ohne einen inneren Wandel, hin zu mehr Ehrfurcht vor den ungeheuren Dimensionen der Evolution – wohl kaum.

Die Forschung sagt uns heute, so Boyd, dass die DNA bei homo sapiens in dichtester Weise mit der aller anderen Lebenwesen des Planeten Erde verbunden ist; der Gedanke einer Höherstellung von homo sapiens ist daher in keiner Weise angemessen. Nichts wäre demnach unmenschlicher als eine Welt, in der es nur noch Menschen gäbe. Die Idee eines Eigentumanspruchs von Nationen/Unternehmen ist daher in seinen Augen absurd. Wir sind alle Hüter des Lebens; eine interessanterweise sehr biblische Aussage, die sich inzwischen viele NGO's zu Herzen genommen haben. In Zeiten von Covid Pandemien schmeckt das noch einmal ganz anders!

Aus solchem Blickwinkel schaut sich ein Ort wie Dießen ganz neu an; man wird diesen Blickwinkel ab jetzt immer wieder brauchen, präziser: erinnern müssen, denn hier vor Ort ist ja die Umsetzung gefragt. Auf dass Alltag hin wieder ein TagimAll sein darf.Das Städtchen ist eine kostbare Perle am See, die mehr und Anderes noch verdient als inzwischen vornehmlich zur touristischen Eventkultur hochgetunt zu werden.

Wandel beginnt heute mit der Grunderkenntnis, dass die Ökologie, die Lehre vom Erdhaushalt, Grundlage und Maßstab für alle weiteren menschlichen Aktivitäten ist: Wirtschaft, Soziales, Kulturelles wie Digitales.Und hier heißt die Leitlinie für die (lokale) Politik: weniger ist not-wendig. Eigentlich eine Blasphemie für ein reiche Gesellschaft. Doch die Vorstellung, allein mit einer technisch halbwegs sauberen Energie unseren Wohlstand halten zu können, ist schlichtweg Selbstbetrug. Sie unterschlägt den Triebfaktor einer wachstumsfixierten kapitalistischen Konsumideologie-die Gier nach Mehr. Der ununterbrochene Verbrauch von Land, Tier, Pflanze und Mensch liegt demnächst bei zwei Erden. Die Explosion der Immobilienpreise im Landkreis sprechen hier Bände.Wollen wir eine partizipative Demokratie, die auf mehr Gerechtigkeit setzt – der ‚freie' Markt ist daran nicht interessiert – ökologisch weiterentwickeln,bedürfen wir der Einsicht in die Abhängigkeit von, bzw. Eingebundenheit in ein größeres Ganzes- erst dannist Wald kein bloßes Holzlager mehr und Flüsse, Seen, Meere und Berge mehr als Vergnügungsstätten: fragile Paradiese, deren lebendige Schönheit, Vielfalt und Erhabenheit wir unbedingt für ein gelingendes humanes Leben bedürfen, seelisch-geistig wie materiell. Dieses anerkannt, zeigt sich uns die Erde als ein sakraler Ort im Universum- ein Geschenk, ein Wunder für jeden, derseine Sinne offen hat; dafür bedarf es keiner Religion aber der Wahrheit des Satzes von Einstein:

Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ein treuer Diener; wir aber haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.

Ansonsten: Friday is every day's future! Auch und gerade in Corona Zeiten! 

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