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Die Zeit nach Corona. Der Soziologe Armin Nassehi sprach am Samstag in Landsberg vor Unternehmern. Von Theresia von Waldburg

Professor Dr. Armin Nasehi im Landratsamt Landsberg Foto: Theresia von Waldburg

Landsberg am Lech – "Wie geht es nach Corona weiter?" Diese Frage stellen sich Armin Nassehi und die Unternehmer des Landkreises Landsberg. Im Rahmen des neunten Unternehmerfrühstücks folgten vierzig Unternehmen der Einladung des Landrats Thomas Eichinger in den großen Sitzungssaal des Landratsamts zu einem Vortrag eines der bedeutendsten Soziologen unserer Zeit. In seiner Einführung zum Vortrag, wies der Landrat darauf hin, dass der Landkreis Landsberg, trotz aller Widrigkeiten, bisher recht ordentlich durch die Coronakrise gekommen sei. Nach seinen Ausführungen sei nur die zweitgeringste Anzahl an Opfern in Bayern, gleich nach Lindau, zu beklagen gewesen. Das habe man vor allem den Unternehmern zu verdanken, die die Hygienekonzepte so gewissenhaft und gut umgesetzt hätten.

Doch wer nun dachte, die Frage: „Wie geht es nach Corona weiter?" könnte der Referent Professor Armin Nassehi mit einer einfachen Lösung beantworten und alle könnten nach einem Gläschen Sekt beruhigt nach Hause gehen, war wahrscheinlich sehr enttäuscht von der gelungenen Veranstaltung.

In seiner Einleitung freute sich Professor Nassehi zunächst einmal für seine Profession, die Soziologie, dass die Pandemie in Echtzeit das Studium der Selbstverunsicherung einer Gesellschaft ermöglichte. So direkt lassen sich gesellschaftlich Entwicklungen nur sehr selten beobachten, sind sie doch meist in langwierige Prozesse eingebunden und bedürfen einer über mehrere Jahre andauernden Beobachtung. Während der nur knapp eineinhalb Jahre, die diese Pandemie nun dauert, sind beinahe sämtliche Sicherheiten, die wir für so selbstverständlich genommen haben, in Frage gestellt worden. Binnen kurzem wurden Veränderungen im Verhalten notwendigerweise gefordert, die für viele rational nicht nachvollziehbar schienen. Es konnte öffentlich besichtigt werden, wie Entscheidungen häufig durch den Alltagsshabitus gesteuert werden. Dieses ist stärker als das kognitive Verhalten. Er stellt fest, dass sich Menschen nur durch Organisation zu einem bestimmten Verhalten bewegen lassen. Besonders gut könne man das in autokratischen Ländern wie China besichtigen, wo die Coronaopferzahlen durch den harschen Durchgriff der staatlichen Autoritäten besonders geringgehalten werden konnten.

In unserer Demokratie erschien solch ein Durchgriff bisher unmöglich, aber diese hohe, pandemiebedingte Verunsicherung hat uns eines Besseren belehrt, führt er aus. Jetzt spricht man von der Stunde der Exekutive, weil der Staat eingegriffen und die Menschen durch Organisation zu einem Verhaltenswechsel gebracht hat.

Was bedeutet das nun für unsere Zukunft? Sie finde, mein Nassehi, nur in der Gegenwart statt. In der Gegenwart müssen wir unsere Mitspieler von der Zukunft überzeugen. Ein Unternehmer zum Beispiel, muss heute seine Bank von den zukünftigen prosperierenden Innovationen überzeugen. Unsere heutige Gegenwart ist die Zukunftsplanung der Vergangenheit. Das heißt auch, dass das Wissen der Vergangenheit, aus dem die Zukunft erdacht wurde, nur eine Form des Weltzugangs ist. Es muss für die jeweilige Gegenwart neu formuliert werden. Dasselbe gilt für das praktische Wissen. Hier merkt man häufig im Nachhinein, daß man vorher falsch gelegen hat.Als Beispiel nennt er hier den Umgang der männlichen Gesellschaft mit den Frauen bis vor hundert Jahren. Der Satz „Frauen sind Menschen" wurde erst wahr, als sie in Feldern auftauchten, wo sie vorher nicht waren. Erst durch das Herstellen von Tatsachen ist der Mensch bereit, theoretisches Wissen anzunehmen. Deshalb sollte Wissen an Perspektiven gebunden stärker in den Fokus geraten.

Überträgt man diese Gedanken auf den Klimawandel, stellt man fest, dass alle wissen was man tun muss, es aber irgendwie nicht gelingt, die Menschen dazu zu bewegen. Nassehi nennt das eine interessante Parabel auf die Komplexität der Gesellschaft. Seine Antwort darauf ist die Demokratie. Er meint, sie sei zugleich die einzige legitime Form der Begründung von Herrschaft und der Generator von inkonsequenten Lösungen. In der Demokratie ist der angemessene Umgang mit dem Dissens einer Gesellschaft entscheidend, nicht der Konsens.Deshalb ist es eminent wichtig, dass die Eliten, die in allen Bereichen der Gesellschaft existieren, seien es Politiker oder Universitätsprofessoren aber auch Pflegekräfte oder Sozialarbeiter, von ihren Säulen heruntersteigen und miteinander ins Gespräch kommen.Eine polarisierte Gesellschaft wird keine Lösung für die wirklichen Probleme finden.

Armin Nassehi hat in einer kurzweiligen Stunde seine Erkenntnisse vor einem sehr konzentrierten Publikum in einer ungeheuren Dichte ausgebreitet. Mit keinem Satz hat er Plattitüden verbreitet oder ist den Versuchungen irgendwelcher Floskeln erlegen. Jedoch gelang es ihm spielend, die Zuhörerschaft mit großem Humor zu fesseln. Es war daher ein großer Spaß ihm zuzuhören, auch wenn er einen sehr nachdenklich zurückließ. 

Landrat Thomas Eichinger bei der Begrüßung. Foto: Landratsamt Landsberg

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