"Wir machen hier Konzertmitschnitte und so genannte Hybridkonzerte". Daniel Betz von der Alten Brauerei Stegen im Interview mit Alois Kramer von aloys.news

Daniel Betz im Gespräch mit aloys.news Foto: Maren Martell

Stegen – Daniel Betz sitzt mir gegenüber auf der komplett eingerichteten Bühne in der Alten Brauerei in Stegen. Der 39-jährige Schondorfer hat in Mittweida Medienwirtschaft mit Schwerpunkt TV-Produktion studiert. Er hat große Teile des ehemaligen Brauereigebäudes für seine Firma Groundlift gemietet. Die gelben Sessel sind sehr bequem und heben sich vom grau-braun der unverputzten Ziegel der Wände hervorragend ab.


aloys.news: Wie lange sind Sie schon in der Alten Brauerei in Stegen und wie kamen Sie dazu?

Daniel Betz: Genau seit 1. Februar dieses Jahres. Wir haben im Januar in Stegen die neue Groundlift Media GmbH gegründet. Seit über 20 Jahren betreibe ich mit meiner Firma Groundlift ein Tonstudio in Schondorf, das in den vergangenen Jahren sehr gut lief. Die Alte Brauerei kenne ich schon seit 20 Jahren, weil mein Bruder dort seine IT-Firma gegründet hatte, die inzwischen nach München gezogen ist. Letztes Jahr im Oktober 2019 gab es plötzlich die konkrete Chance, in der Alten Brauerei Fuß zu fassen. Da hatte ich gesehen, dass die für mich entscheidenden Räume frei werden. Im November habe ich dann schnellentschlossen mit dem Eigentümer, Paul Schneider, einen langfristigen Mietvertrag unterschrieben. Auf längere Zeit deswegen, weil ich im Mietobjekt sehr viele Umbauten machen musste. Der Vermieter ist total begeistert von dem, was wir machen. In der Alten Brauerei gab es früher ja ein hochwertiges Programm mit Theater, Shows, Unterhaltung. Jedoch die letzten sechs Jahre nicht mehr. Im Theaterraum befand sich eine Marketing-Agentur und im Sudhaus eine Eventagentur. Beide sind zum Ende des Jahres 2019 beziehungsweise zum Januar 2020 ausgezogen. Wir hatten mit dem Studio in Schondorf immer das Problem, dass wir bei größeren Produktionen externe Räume anmieten mussten. Ich hatte in den eigenen Räumlichkeiten nur die Audioproduktionen gemacht, für Videoproduktionen gingen wir sozusagen außer Haus. Deswegen bot sich das an, hier alles zusammenzulegen. Allerdings nutzen wir das sehr gut ausgestattete Schondorfer Studio mit den kleineren Räumen nach wie vor beispielsweise für Sprachaufnahmen. Die ganze hochwertige analoge Audiotechnik transportierten wir aus Schondorf hierher.


aloys.news: Was ist denn genau Ihr Konzept in der Alten Brauerei?

Daniel Betz: Der Eigentümer wollte immer Kultur in diesen Räumen haben. Das hat mal besser, mal schlechter funktioniert. Das ist jedoch genau das, was wir machen. Wir können unsere ganzen Erfahrungen, die wir im Audio-, Video- und Livemittschnitt-Bereich haben hier realisieren. Ich bin ja selber Musiker, spiele Keyboard, Gitarre, Bass. Das heißt, wir haben ein Tonstudio, wir haben ein Video-TV-Produktionsstudio und wir haben mit dem Theaterraum eine Live-Location. Das Phantastische daran ist, das alles fest miteinander verknüpft ist. Manchmal hast Du ein Video-Studio aber kein Tonstudio dazu und umgekehrt. Die Integration aller Komponenten war ein gewaltiger logistischer Aufwand. Es ist alles miteinander verkabelt, wir mussten durch diese schönen 80 Zentimeter dicken Wände Kernbohrungen machen. Man sieht in nahezu jeder Ecke eine Anschlussbox mit SDI-Videoverbindung, Ethernet, Dante-Audio und Strom. Das ist Branchenstandard. Alles läuft zentral im Serverraum zusammen. Egal, wo im Raum ich eine Stecker reinstecke, ich kann immer alles machen. Ich kann mit Audio rein und raus, ebenso mit Video und Strom, mit Licht, mit der Steuerung aller Geräte.


aloys.news: Sie machen das nicht alles allein?

Wir sind hier ein Team von vier festen Mitarbeitern, das alles zusammenführt. Julius, der in Graz Tontechnik studiert hat, ist der Technische Leiter des Studios und ein begnadeter Techniker. Alexandra, meine Assistentin, hat sehr viel Erfahrung in Hörbuch- und Hörspielproduktion und ein großes Netzwerk von Künstlern. Und seit Oktober ist Lena mit an Bord, die als Creative Director glänzt und noch dazu eine talentierte Kamerafrau ist. Wichtig ist mir, dass das Team nicht nur technisch, sondern auch menschlich top ist. Unsere Kunden müssen sich bei uns immer bestens aufgehoben und wohl fühlen. Wir „kaufen" dann natürlich projektweise auch noch Mitarbeiter ein. Zum Beispiel Wolfgang Wunderlich, der Bildregie kann. Er ist der Sohn des leider zu früh verstorbenen berühmten Tenors, Fritz Wunderlich.


aloys.news: Wie sieht denn Ihr Geschäftsmodell aus?

Daniel Betz: Wir sind tatsächlich breit aufgestellt. Wir machen ganz klassisch Audio-Produktionen, das heißt Sprachaufnahmen für Hörbücher, für Werbeclips, für Film-Voice-over. Wir produzieren Hörspiele – auch hier auf der Bühne, auf der wir gerade sitzen. Zum Beispiel haben wir „Cyrano de Bergerac" mit zehn Sprechern in diesem Raum als Hörspiel für Sony Music aufgezeichnet. Die Bühne bietet eine Atmosphäre, dass die Sprecher agieren und aufeinander reagieren können, nicht steril in einer Studiozelle sitzen müssen. Die hatten großen Spaß daran, aber logistisch ist das gar nicht so einfach. Wir haben übrigens sehr viele Reclam-Bücher vertont, wenn man das so sagen darf.


aloys.news: Nur Hörbücher und Hörspiele?

Daniel Betz: Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit ist natürlich Musikproduktion. Wir hatten hier jüngst Jonas Kaufmann, auch Flügelaufnahmen in klassischer Musik sind möglich. Hier hinter mir steht ein Bösendorfer Konzertflügel. Das heißt wir produzieren auch mal Klavier mit Kontrabass. Kammermusik eben. Dieser Raum hier ist ja wahrlich kein klassischer Symphonieorchester-Raum, aber er klingt ausgesprochen gut. Das war mir vor einem Jahr gar nicht so ganz bewusst. Es hat sich gezeigt, dass die Aufnahmen auf der Bühne einen hervorragenden natürlichen Klang haben. Das liegt an den hohen Decken und an der 80 Zentimeter dicken massiven Rückwand, die überhaupt nicht eben ist und daher einen guten Diffusor darstellt. Von Klassik bis Rock kann man hier alles aufnehmen, mit echten Instrumenten.


aloys.news: Das heißt hier kann man auch Konzerte besuchen?

Daniel Betz: Wir machen hier Konzertmitschnitte und so genannte Hybridkonzerte. Also Leute sitzen im Zuschauerraum und das Konzert wird mit Video und Audio vor Ort aufgenommen. Das hatten wir von Anfang an geplant und hatte tatsächlich eigentlich nichts mit Corona zu tun. Denn für die große Bühne ist der Zuschauerraum eigentlich zu klein. Er müsste doppelt so groß sein, daraus entstand die Idee mit dem Streamen. Das ist jetzt über Nacht durch Corona zum Hauptprodukt geworden. Allerdings kommen da bei so einem Abend von meiner Seite aus mindestens sieben bis acht Leute zusammen, die ich brauche. Bildmischer, Kameraleute, Tonregie, Videoregie. Wenn wir einen Stream machen, dann stelle ich nicht einfach ein paar feste unbewegte Kameras auf. Langweilige Streams gibt es während Corona leider zu viele, das erzeugt eher Frust bei den Zuschauern. Wir wollen die Atmosphäre so gut wie möglich übertragen, dabei spielt der Ton eine wesentliche Rolle Am liebsten habe ich drei bis vier Kameraleute, notfalls geht es natürlich auch mit zwei, für kleinere Produktionen. Da steckt auch noch viel Potential drinnen. Wir hatten am 24. Oktober das Hybridkonzert mit dem Kabarettisten Martin Schmidt. Da saßen – vor dem zweiten Lockdown – 40 Zuschauer hier drinnen. Natürlich mit Maske und in Zweier- oder Dreiergrüppchen. Wir hatten drei Leute an den Kameras. Das Ganze haben wir über unsere eigene selbstprogrammierte Webplattform gestreamt. Denn Youtube, Facebook und andere Plattform sind für mich, was die Rechtesituation und faire Vergütungsstrukturen betrifft, ein No-Go. Also das läuft auf unseren Servern in unserer Infrastruktur mit einem eigenen Payment-Modul. Das heißt, wir verkaufen Konzertkarten und bieten einen Zugang zur Aufführungen über den Live-Stream. Das ist auch für die Künstler ein transparentes Modell.


aloys.news: Wie seid Ihr denn über die Runden gekommen im ersten Lockdown und danach?

Daniel Betz: Gleich zu Beginn im Lockdown zu starten war extrem hart, da wir keine Bekanntheit aufbauen konnten. Aber wir haben einfach einen verzögerten Start. Schauen wir mal, was das nächste Jahr bringt. Pläne gibt es genug und wir erfahren extrem großen Zuspruch von allen Seiten – uns sind nur bei der Durchführung der meisten Projekte aufgrund der Corona-Regeln die Hände gebunden. Zu meinem Geschäftsmodell gehören auch drei bis vier Kulturveranstaltungen im Monat. Das muss sein. Theateraufführungen, Konzerte, Lesungen, Kabarett. Die Zukunft schaut also bestens aus.


aloys.news: Herr Betz, ich bedanke mich für das Gespräch. 

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